DIE ZEIT: Herr Rühe, Sie haben sich für die Rede von Präsident Juschtschenko im Bundestag eingesetzt. Einige Ihrer Parteifreunde hatten Bedenken – wohl auch, weil ein ukrainischer Freiheitsheld nicht recht ins Bild des Visa-Skandals passte. Gefährdet die deutsche Innenpolitik unser Verhältnis zu den neuen, hoffnungsvollen Entwicklungen im Osten?

Volker Rühe: Die orangene Revolution in der Ukraine ist ein historisches Ereignis. Es ist auch wichtig, dass vor dem Parlament nicht nur jemand sprechen kann, der schon zehn Jahre im Amt ist, als Dank gewissermaßen, sondern dass wir mit der Einladung an Juschtschenko ihm den Rücken stärken konnten für seine kommenden schwierigen Aufgaben. Das muss man trennen von den innenpolitischen Auseinandersetzungen. Wir dürfen uns nicht von der Ukraine abschotten: Dass wegen der Fehler des deutschen Außenministeriums zu viele von den Falschen zu uns gekommen sind, heißt nicht, dass wir die Richtigen aussperren sollten. Wir brauchen den Austausch von Studenten, Wissenschaftlern, Journalisten, Geschäftsleuten.

ZEIT: Fürchten Sie nicht, dass die Ukraine nun in Deutschland bloß noch als Inbegriff von Schwarzarbeit und Zwangsprostitution gilt?

Rühe: Das glaube ich nicht. Die Bilder der friedlichen Revolution, die ein so sympathisches, europäisches Gesicht der Ukraine gezeigt haben, diszipliniert, witzig – die haben sich eingeprägt.

ZEIT: Sie haben vorgeschlagen, dass der Ukraine noch in Juschtschenkos Amtszeit eine Beitrittsperspektive für die EU eröffnet werden sollte – vorausgesetzt, das Land reformiert sich erfolgreich. Die EU vermeidet es bisher, das Wort "Beitritt" auch nur zu erwähnen. Eine verpasste Chance?

Rühe: Nein. Es gibt darüber jetzt einfach noch keinen europäischen Konsens: Polen oder die baltischen Staaten wollen die ukrainische EU-Mitgliedschaft, Deutschland nimmt eine mittlere Position ein, andere sind bis jetzt nicht einmal bereit, darüber auch nur zu reden. Es kommt darauf an, in den nächsten Jahren pragmatisch so zusammenzuarbeiten, dass die Ukraine die Europäer überzeugt. Man muss sehen, wo das Land herkommt: Es war über Jahrzehnte nicht frei, und in den ersten 14 Jahren seiner Unabhängigkeit ganz unklar in seinem Verhältnis zu Europa. Es wäre unrealistisch, schon in der ersten Amtszeit Juschtschenkos Beitrittsverhandlungen beginnen zu wollen. Aber wer dem Land diese Perspektive prinzipiell verweigert, macht es fast unmöglich, die Herausforderungen im Innern der Ukraine zu bewältigen.

ZEIT: Was ist eigentlich unser Interesse an einer ukrainischen EU-Mitgliedschaft?