Seit der Mensch das Wildschwein domestiziert hat, also in den vergangenen 10000 Jahren, hat es sich gewaltig verändert: Es ließ die Ohren hängen, ringelte den Schwanz und bildete den Rüssel zurück. Es wurde größer, weil der Mensch mehr Muskelmasse wollte. Die Zahl der Rippen nahm zu. Während das Wildschwein über 12 Rippenpaare verfügt, sind es beim modernen Hausschwein mehr. Für eine Doktorarbeit in Schweinegenetik an der Universität Kiel wurde nachgezählt: Mehr als die Hälfte der Schweine hatte 16 Rippen, ein kleinerer Teil 15, und wenige XL-Schweine verfügten über 17 Kotelett-trächtige Rippenpaare.

Wurde die zusätzliche Rippenzahl nun gezielt herbeigezüchtet? Das bestreitet Ernst Kalm, der das Institut für Tierzucht und Tierhaltung an der Universität Kiel leitet. »Die Schweine wurden nicht nach ihrer Rippenzahl selektiert.« Das bestätigt auch Martina Henning von der Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft. Henning berichtet von regelrechten Moden bei der Schweinezucht. So sei früher das runde, kurze Schwein mit sehr dicken Koteletts bevorzugt worden, heute setze man eher auf Länge – wegen der Fleischqualität, nicht wegen der Zahl der Rippen.

Mit dem 20-Rippen-Turboschwein ist aber auch in Zukunft nicht zu rechnen. »Man darf das System Tier nicht überfordern«, sagt Martina Henning. Das Herz und andere Organe des Schweins sind nämlich bei der Zucht nicht mitgewachsen, und so haben in der Vergangenheit die auf Masse getrimmten Tiere häufig mit Kreislaufproblemen und Stress zu kämpfen gehabt. »Seit etwa 20 Jahren ist diese Entwicklung gestoppt«, erzählt die Forscherin. Übrigens nicht etwa deshalb, weil die Züchter ihr Herz für die arme Kreatur entdeckt hätten, sondern weil das schlecht durchblutete Fleisch der Superschweine von minderwertiger Qualität war und große Mengen Wasser enthielt. Das ging teilweise nicht erst in der Pfanne des Verbrauchers verloren, sondern schon beim Abhängen der Schweinehälften bei den Metzgern. Denen sei das Geld regelrecht weggetropft, sagt Henning. Christoph Drösser

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