Am Tag, an dem RTL2 die erste Folge seiner neuen Big Brother- Staffel startete, gab Wolfgang Clement die Arbeitslosenzahlen bekannt, die höchsten in der Geschichte der Bundesrepublik. Ins Fernsehdorf zogen junge Menschen ein, deren Berufsbezeichnungen mit einem »Ex« begannen. Arbeitslose spielten Arbeitslose, und Arbeitslose schauten ihnen zu.

»Unterschichtenfernsehen«: In die Diskussion gebracht von Soziologen und dem Entertainer Harald Schmidt macht dieses Wort seit einigen Wochen die Runde. Gemeint sind die deutschen Privatsender und ihr Publikum. Meldet man sich in diesen Tagen bei Machern dieser Programme, um mit ihnen über den Begriff zu reden, kann es dauern, bis man zurückgerufen wird – die Standardantwort ist dann meist eine Frage: »Was wollen Sie denn von uns?« Wolfram Kons, Direktor Information bei RTL , reagiert zunächst mit einem skeptischen »Bitte?«, als man ihn fragt, ob er sich zum Thema äußern möchte, »schon den Begriff empfinde ich als maßlos arrogant und soziologisch hetzerisch«. Unterschicht, allein das Wort sei menschenverachtend, sagt die Sprecherin von Sat.1. Und auch Roger Schawinski, Chef des Senders Sat.1, hat grundsätzliche Probleme mit dem Thema. Er sagt: »Ein Fernsehmacher sollte sich vom Begriff des Unterschichtenfernsehens distanzieren. Es ist der herablassende Blick von oben herab, der noch nie hilfreich war.«

Und doch ist »Unterschichtenfernsehen« auf dem Weg, eines der Wörter des Jahres zu werden.

Die Debatte dazu findet auf zwei Ebenen statt. Zum einen geht es um die Frage, warum dieser Begriff einen Nerv zu treffen scheint, zum anderen geht es um Geld, um Werbebuchungen – daher auch die Nervosität der Programmverantwortlichen. Erstmals seit 1998 hat RTL im vergangenen Jahr die Marktführerschaft abgegeben, der Marktanteil sank auf 13,8 Prozent. Viele neue Sendungen wie die Show Big Boss, die Serie Verschollen oder die Kuppelshow Bachelorette floppten. Bei Big Boss wurden die Werbepreise für einen 30-Sekunden-Spot von 61000 Euro auf 42000 Euro gesenkt, der Marktanteil mancher Bachelorette- Folge lag bei desaströsen 7,9 Prozent. Auch Sat.1 und ProSieben erging es mit Sendungen wie Kämpf um Deine Frau oder Die Burg nicht viel besser.

Vergangenes Wochenende, ein Streifzug durch die Welt der Privatsender. Im RTL-Boulevardmagazin Explosiv werden zwei Frauen Anfang 20 porträtiert, Daniela aus Düsseldorf , Berufsbezeichnung »Societygirl«, mit blonden Haaren und großen Lippen ausgestattet, und Stefanie aus Leipzig , arbeitslos, hennarot gefärbte Haare, schmale Lippen. Eine Woche lang haben die beiden ihre Wohnungen getauscht, die reiche Daniela redet abschätzig über die Verhältnisse der armen Stefanie, die sich von Daniela schließlich wünscht, »nicht so von oben herab« behandelt zu werden. Der RTL-Reporter ergänzt, dass Stefanie eine abgeschlossene Berufsausbildung habe und keine Arbeit finde. Die Sympathien sind eindeutig verteilt: Stefanie aus Leipzig wirkt nett und bescheiden, Daniela aus Düsseldorf zickig. Am Ende muss Stefanie zurück in ihre alte Wohnung und ist doch froh, wieder zu Hause zu sein.

Am Samstagvormittag zeigt Sat.1 eine Zusammenfassung der Serie Verliebt in Berlin. In der Hauptrolle: Lisa, vom Sender beschrieben als »modernes Aschenbrödel«, dessen Talente und Schönheit nicht erkannt werden, noch nicht. Verliebt in Berlin ist eine Telenovela, ein verfilmter Groschenroman, keine Endlos-Serie, sondern eine Staffel mit vorhersehbarem Happy End über ein einfaches Mädchen, das nicht aufgibt auf der Suche nach dem Glück. Auf RTL 2 zeigen sie bei Big Brother in einem Dorf Leyla, die Ex-Kfz-Mechanikerin, Daniela, die Ex-Bürokauffrau, und all die anderen. Hier sind sie nicht »ex«, hier haben sie eine Aufgabe, und sei es nur Milch aus einem künstlichen Euter zu quetschen.

Es sind nur drei Sendungen von vielen, und so unterschiedlich sie sind, illustrieren sie doch den Zustand der privaten Sender. Verliebt in Berlin ist vor knapp zwei Wochen mit über 3,5 Millionen Zuschauern gestartet, eigentlich ein Erfolg für Sat.1. Auch Big Brother und Explosiv haben noch Zuschauer, gerade in der so begehrten Gruppe der 14- bis 49-Jährigen, die – so der jahrelange Glaube – für die Sender besonders interessant sind, weil sie erstens viel Geld ausgeben und zweitens ihren Geschmack beim Einkaufen öfter wechseln. Was aber, wenn viele dieser Zuschauer zwar jung sind, aber nicht mehr genug Geld haben? Wenn die Sender also ein Gespür für die Interessen ihrer Zuschauer haben, sie aber leider andere Zuschauer brauchten? Der Medienexperte und Filmproduzent Lutz Hachmeister hat in der Süddeutschen Zeitung die »Fantasiezielgruppe 14–49 als Leitreligion des Fernsehgeschäfts« beschrieben. Es scheint, als sei diese Fantasie bald ausgeträumt.

Das Wort klingt nach Bier, Schnaps, Arbeitslosigkeit