T V Was guckst du?Seite 3/3
Das Interesse an diesem Thema steigt, diese Erfahrungen macht auch die Fernsehreporterin Utta Seidenspinner. Im Herbst 2002 schlug sie der Redaktion von Spiegel TV einen Film über zwei Sozialhilfe-Kontrolleurinnen vor, die im Berliner Bezirk Steglitz-Zehlendorf arbeiten. Die Kollegen waren mäßig begeistert, sagten aber, sie solle mal machen. Sie machte – und ihre Reportage erreichte einen fast doppelt so hohen Marktanteil wie der Senderdurchschnitt. Seitdem hat Seidenspinner 16 solcher Filme gedreht, immer mit denselben Kontrolleurinnen, immer in Steglitz-Zehlendorf, einem Bezirk der Mittelschicht. Warum interessieren sich Zuschauer dafür? Auch aus Voyeurismus, sagt sie, »aber vor allem fragen sich viele Mittelschichtler: Was blüht mir, wenn ich da reinrutsche?«
Ein öffentliches Phänomen ist der Begriff Unterschichtenfernsehen erst seit wenigen Wochen, dabei ist die Wortschöpfung fast ein Jahrzehnt alt. Sie hat eine merkwürdige Karriere hinter sich. Anfang 1996 hatte die Satirezeitschrift Titanic den Sender Sat.1 als »Unterschichtenfernsehen« bezeichnet, aber abgesehen von einigen Wissenschaftlern interessierte sich damals niemand so recht dafür. Jochen Hörisch von der Universität Mannheim nannte RTL und Sat.1 im Frühjahr 2001 erneut »Unterschichtenfernsehen«, doch der Begriff setzte sich in der breiten Öffentlichkeit nicht durch.
Der Saarbrücker Medienforscher Peter Winterhoff-Spurk hat sogar schon 1995 vor der Entwicklung einer »medialen Klassengesellschaft« gewarnt. Doch dann kamen New Economy und Börsenboom, und kaum jemand wollte etwas von Klassen und Schichten hören. Das Versprechen lautete, dass jeder morgen schon Millionär werden könne. Heute kann Winterhoff-Spurk seine Freude über die späte Popularität des Themas nicht verhehlen. »Mein Bedauern ist wirklich gering«, sagt er, »ich wünsche diesen Sendern einiges an Nervosität.«
Und wo ist Harald Schmidt auf den Begriff gestoßen? Er hat ihn während seiner einjährigen Auszeit in Paul Noltes Buch Generation Reform entdeckt. Nolte zählt zu den führenden Soziologen des Landes, er berät Parteien von der CDU bis zu den Grünen. Er sagt, das Programm der Privatsender erinnere ihn an eine Blase, die der Zuschauer aus der Unterschicht nicht durchdringen könne. Politik werde weitgehend ausgeblendet, schreibt er, »Politiker tauchen fast nur noch als Menschen auf, die sich die Taschen vollstopfen und die Bürger übers Ohr hauen«. Seine eigene Welt finde der Zuschauer aus der Unterschicht in Big Brother oder Explosiv eins zu eins dargestellt, es gebe aus ihr kein Entrinnen: »Der Sozialhilfeempfänger sieht seinesgleichen und tröstet sich damit, dass es anderen auch nicht besser geht.« Mit anderen Worten: Explosiv sprengt die Klassengesellschaft nicht, sondern zementiert sie.
In den Siebzigern wunderte sich die Junge Linke, warum die Arbeiter nach Feierabend nicht mit ihnen gemeinsamen die Revolution ausrufen wollten. Die Antwort: Sie wollten sich nicht auch noch abends mit ihren Problemen befassen. Heute tun sie das – weil die Privatsender, anders als die Linken, ihren Alltag nicht verändern wollen, sondern schlicht abbilden und damit veredeln. Keine Kritik, reine Affirmation.
Wie steht es um die politische Verantwortung der Privaten? Müssten sie nicht, und sei es nur zur Imagepflege, Sendungen ins Programm nehmen, die ihnen vielleicht weniger Quote bringen – aber einen besseren Ruf? Marc Conrad wollte es versuchen. Sagt jedenfalls Marc Conrad. Der Mann war gerade einmal 100 Tage Chef von RTL, als er im Februar abgelöst wurde. Über die wahren Gründe wird viel spekuliert und wenig offiziell gesprochen, aber eines steht fest: Conrad wollte RTL verändern. Eine politische Talkshow etwa hatte er geplant, auch bei Sat.1 wird immer wieder über eine solche Sendung spekuliert – passiert ist dort ebenfalls nichts. Conrad will über Interna nicht sprechen. Und über seine Ideen? Er habe sich intensiv mit den Sorgen der Mittelschicht beschäftigt, sagt er und bestätigt die These des Soziologen Nolte: »Die Leute merken, dass die Einschläge näher kommen. Darauf muss man reagieren und ihnen eine klare Orientierung geben.« Conrad hat, als er vor Jahren Programmchef bei RTL war und von manchen Mitarbeitern wahlweise »Stalin« und »Napoleon« genannt wurde, ebenjene Sendungen wie Explosiv und Gute Zeiten, schlechte Zeiten eingeführt. Wollte er die Geister, die er einst gerufen hatte, loswerden? Nein, aber »eine gewisse Ernsthaftigkeit« einführen, sagt er. Der Leidensdruck für wesentliche Reformen war bei RTL offenbar nicht groß genug, da geht es dem Sender wie dem Rest des Landes. Noch vor seinem Rauswurf hatte Conrad gesagt, wohin er mit dem Sender wollte: »Früher hat RTL den Zuschauern mit großer Lust das Korsett geöffnet, ganz offensichtlich bei Tutti Frutti , aber auch im übertragenen Sinne, indem wir zeigten, was in Deutschland noch nicht gezeigt worden war. Heute ist Politik der neue Sex, damit meine ich alles, was unsere Gesellschaft betrifft.« Früher konnte RTL mit nackten Frauen provozieren, meint Conrad, heute aber hätte man mit gesellschaftlichen Themen provozieren können. Die Zuschauer von RTL werden wohl nie zu sehen bekommen, was er sich genau darunter vorstellt.
Wo sollen die Programmmacher also nachsehen, wenn sie nach neuen Ideen suchen? Vielleicht bei den Einschaltquotengewinnern der letzten Monate: den Dritten Programmen der ARD mit ihrer oft als dröge beschriebenen Mischung aus Regionalnachrichten und Tatort- Wiederholungen. Der Media-Entscheider Thomas Koch spricht vom »heimlichen Marktführer« in Deutschland. So heimlich ist das gar nicht: Laut Media Control lagen die Dritten Programme im Januar vor ARD, ZDF, RTL und all den anderen. Die Dritten sind die Ersten. Marc Conrad, der Ex von RTL, spricht jedenfalls vom Erfolg, den Programme haben könnten, die Orientierung bieten, was beinahe nach öffentlich-rechtlichem Programmauftrag klingt. So ist es kein Zufall, dass das öffentlich-rechtlichste Programm, das RTL je hatte, nach wie vor zu seinen erfolgreichsten zählt: Günther Jauchs Wissensquiz Wer wird Millionär . Nur bei einer Zuschauergruppe, hat die GfK ermittelt, kommt die Sendung nicht so gut an: bei den Arbeitslosen.
- Datum 10.03.2005 - 13:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 10.03.2005 Nr.11
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF







