Die Bergers wohnen jetzt also im Museum. Mit Garten, Garage und Balkon. Im Flur stehen drei Paar Filzpantoffeln. Im Wohnzimmer hat der kleine Lukas ein paar Spielzeugautos verstreut. An der Wand über der Treppe hängen lustige Urlaubsfotos. So leben die Bergers. 160 Quadratmeter Deutschland in einem weißen Reihenhaus. Bisher war das ihr Zuhause. Jetzt ist es eine Ausstellung ihrer Vergangenheit, die sich die Bergers noch ein paar Wochen lang ansehen können. Dann müssen sie raus.

Peter und Gisela Berger*, 58 und 44 Jahre alt, beide studierte Architekten, können ihre Miete nicht mehr zahlen. Die Sparbücher, die Aktien, die Lebensversicherung: Alles ist weg. Geblieben sind die Schulden. 300.000 Euro.

"Mal sehen, welcher Vermieter uns noch nimmt", sagt Peter Berger.

Noch vor einiger Zeit hätte jeder Vermieter die Bergers genommen. Anfang der neunziger Jahre ziehen sie in den Münchner Osten. Peter Berger arbeitet bei einer Baufirma, seine Frau in einem Architekturbüro. Er verdient 12.000 Mark im Monat, sie kaum weniger.

Sie kaufen sich zwei Wohnungen in Leipzig. Als Altersvorsorge. Warum auch nicht? Peter Berger hat das Haus selbst für seine Firma gebaut. Die Bergers nehmen einen Kredit auf, bei ihren Gehältern und mit den Mieteinnahmen aus den Wohnungen haben sie den ja bald zurückgezahlt.

Da verliert Peter Berger seinen Job.

Nach der Wende haben die Baufirmen im Osten zu viele Häuser gebaut. Sie finden kaum Käufer. Jetzt entlassen die Unternehmen ihre Leute.

Berger findet keine neue Stelle. Das ist der erste Schlag. Er, der von einer Firma zur anderen wechselte, der immer abgeworben wurde, immer mehr Geld bekam, er bekommt plötzlich zu hören: "Sie sind zu alt." Mit 48.

Also macht er sich selbstständig, er weiß ja, was er kann. Doch Können allein hilft nicht, wenn die Aufträge fehlen. Neue Häuser bauen? Im Osten leeren sich schon die alten. Auch in die Leipziger Wohnungen der Bergers will niemand einziehen. Sie müssen mit der Miete runter, müssen jetzt jeden Monat zusätzlich 500 Euro für die Kreditzinsen aufbringen. Die Schulden sinken nicht mehr, sie steigen. Das ist der zweite Schlag.

Aber noch hat Gisela Berger ihren Job und ihr Gehalt. Und wenn im Osten die Mieten wieder steigen, wenn Peter Berger wieder Aufträge bekommt… Noch haben sie Hoffnung.

Im Frühjahr 2004 wird auch Gisela Berger entlassen. Die schlechten Umsätze, sagt ihr Chef. Das ist der dritte Schlag. Jetzt haben sie kaum noch Einnahmen, nur Ausgaben. Die Miete. Die Kreditzinsen. Die Zinseszinsen.

Die Bergers sind ruiniert.

Peter Berger sagt, er sei einer, der umso kühler wirke, je aufgewühlter er ist. Also bleibt er äußerlich ruhig, als er sagt: "Manchmal denke ich fast an Selbstmord." Seine Frau hat da schon weinend das Zimmer verlassen.

Das also ist die Geschichte der Bergers. Geprägt von drei Ereignissen: Hypothekenkredit, Jobverlust, Baukrise. Nichts weiter. Keine seltene Krankheit, kein krimineller Anlageberater, kein tragischer Unfall. Nichts, was nicht alle Tage in der Zeitung stünde. Die Tragik liegt im Alltäglichen: dass es in Deutschland nichts Außergewöhnliches mehr braucht, um eine Familie abstürzen zu lassen.

Ausgerechnet in Deutschland.