Wir setzen Kinder nicht mehr einfach in die Welt. Nein, wir setzen sie uns in den Kopf – oder wollen keine. Nie war das so wörtlich zu verstehen wie heute, da wir immer weniger mit realen Kindern als vielmehr mit der Idee von einem Kind schwanger gehen.

Wir setzen Kinder nicht mehr einfach in die Welt. Nein, wir setzen sie uns in den Kopf – oder wollen keine. Nie war das so wörtlich zu verstehen wie heute, da wir immer weniger mit realen Kindern als vielmehr mit der Idee von einem Kind schwanger gehen.

Und so erleben wir ein Kind tatsächlich von Anfang an als Kopfgeburt: "Für den Kinderwunsch" braucht es nur sieben Urinteststäbchen, die "schnell und einfach die beiden fruchtbarsten Tage in Ihrem Zyklus" bestimmen. Schnell und einfach kann sich eine Frau die Packung Clearblue mit der Abbildung eines strampelnden Säuglings für 29,95 Euro in den virtuellen Warenkorb klicken. Was als "natürliche Familienplanung" gilt, hat in Form von allerlei Hilfsgeräten, die in jede Handtasche passen, den Alltag erobert. So unauffällig wie sie vorgeben, uns zu begleiten, so nachdrücklich beeinflussen die technischen Spielzeuge unser Leben: "Es muss auf Geschlechtsverkehr verzichtet werden", das lassen wir uns am Morgen von einem Minicomputer für den Abend vorschreiben.

Haben wir bis hierher der Technik unser Intimstes anvertraut, wird sie unsere Kinderwünsche und alle damit verbundenen Gefühle zwischen Hoffen und Bangen auch weiter bestimmen. Nicht die Technik wird unsere Gefühle, sondern die Gefühle werden die Technik begleiten: Die Färbung eines Teststreifens wird uns Gewissheit verschaffen, ob wir ein Kind erwarten; Ultraschallbilder, ob wir es bekommen wollen; Betäubungsspritzen und Kaiserschnitt sind die Rahmenbedingungen dafür, wie es zur Welt gebracht wird – und ob wir dabei schließlich überhaupt noch etwas fühlen.

Können wir uns noch vorstellen, dass, wie die Historikerin Barbara Duden schreibt, über Jahrtausende das Ungeborene einzig durch "die Andeutung der Frau" da war, eine "innige Regung" in ihrem Inneren zu spüren? "Es gab einmal eine Zeit, da hat es sich bei Frauen unter dem Herzen geregt. Wenn das geschah, dann wusste die Frau, dass sie mit einem Kind schwanger ging. … Eine vergleichbare Definitionsmacht über den eigenen Zustand durch eine Aussage über ihren Körper hat heute keine Frau." Können wir uns noch vorstellen, dass über Jahrtausende für Frauen das nur ihnen zugängliche "Erlebnis der Kindsregung" einen entscheidenden "statusprägenden Charakter" hatte? Und dass sie, nur auf Gott, ihre eigenen Kräfte und auf die ihnen Nahestehenden vertrauend, Kinder bekamen?

Was sagt es dagegen über unsere Kultur, dass eine Geburt und damit Kinder von Beginn an immer weniger gefühlt werden, stattdessen von diversen Dienstleistungseinrichtungen und deren Know-how abhängig sind und deshalb auch in unserer Vorstellung kaum noch mit weiblicher – man wagt kaum zu sagen: mütterlicher – Arbeit in Verbindung gebracht werden? Und dass dabei Kinder immer seltener werden? In einer Gesellschaft, die wesentlich auf Arbeit und die aus ihr gewonnenen Werte gründet, der zum Überleben jedoch dringend Kinder fehlen, ist es konsequent, beides in Zusammenhang zu bringen und die "Vereinbarkeitsfrage" ganz wörtlich zu nehmen: Warum stehen Kinder offenbar im Widerspruch zu unserer Arbeitsgesellschaft?

Schon deren Entstehung während der ersten Phase der Hochindustrialisierung an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert war von einem ersten europaweiten Geburtenrückgang begleitet. Geburtenrückgänge hatte es in der Geschichte bis dahin durch Seuchen, Kriege oder Hungersnöte gegeben. Nun lag die Ursache in einer neuen Art der Not. Frauen, Männer und Kinder schufteten in den neu entstehenden Fabriken unterschiedslos massenhaft und rund um die Uhr. Das neue Lohnarbeitssystem verschonte keine Lebenssphäre. Selbst Schlaf- und Stillpausen – die "Regenerierung der Arbeitskräfte", wie es bezeichnenderweise nun hieß – fielen ihm zum Opfer .

Wert hat von dieser Zeit an, was bezahlt wird, und nur dies gilt auch als Arbeit. Hausarbeit oder die mit der Mutterschaft verbundenen Tätigkeiten geraten als aktives Tun aus dem Blick. Es ist kein Zufall, dass das Wort "Arbeit" seine frühere Doppelbedeutung verloren hat: Einerseits stand es, so die Historikerin Laurel Thatcher Ulrich, für "die körperliche Arbeit im Allgemeinen". Daneben aber verwies das Wort "auf die besonderen Strapazen und Schmerzen", wie sie etwa auch "mit Wehen und Geburt einhergehen" – was heute wohl kaum jemand meint, wenn er von "Arbeit" spricht. Dazu trägt bei, dass heute versucht wird, das Geburtsgeschehen, das einmal aktives weibliches Tun bedeutete, den Rationalisierungsanforderungen der Erwerbsarbeit anzupassen. Das geht so weit, dass Frauen nicht mehr Kinder gebären, sondern dass der Geburtstermin eines Menschen zunehmend per Kaiserschnitt bestimmt wird, weil sich so der Schichtdienst auf den Geburtenstationen besser kalkulieren lässt.