Das deutsche Theater nimmt derzeit noch die geringsten, ja die nur bierdeckelgroßen Textflächen Elfriede Jelineks zum Anlass, ein Welturaufführungsfass zu öffnen: Der Nobelpreis hat Jelinek und alle, die liebend an ihr hängen, in eine neue Dimension gerissen. Wem sie einen Text überlässt, dem tut sie höhere Gewalt an - derjenige hat gar keine Wahl, er muss diesen Text groß herausbringen.

Am Wiener Burgtheater, zum Beispiel, ist kürzlich die Elfriede-Jelinek-Übersetzung der unerheblichen Komödie Bunbury eines gewissen Oscar Wilde uraufgeführt worden. Jelinek hat Wildes Stück aber nicht übersetzt, vielmehr hat sie auf der Basis einer bestehenden Übersetzung über Wilde improvisiert, und was bei Wilde Ironie war, musste bei Jelinek Zote werden. Bei Wilde ist Dialog das Duell von spirits, Luftgeistern, ein Wettkampf um die klügste Andeutung und den härtesten Return, das Herunterkürzen von Welt auf Weltpointe. Bei Jelinek ist Dialog der bollernde Zusammenstoß von Kalauern. Wo Wildes Figuren in der Verschleierung, im Doppelsinn leben, da zerrt Jelinek jede Figur in die vernichtende Eindeutigkeit: Hintergedanke wird Schlagzeile, Totschlagzeile.

Und nun Berlin. Claus Peymann, Intendant des Berliner Ensembles, Freund und Statthalter der großen Dichter in der garstigen Hauptstadt, pflegte schon als Herr des Burgtheaters in Wien engen Umgang mit Elfriede Jelinek. Berlin allerdings macht sich einen Spaß daraus, Peymanns Ausbrüche, die in Wien noch als die eines Vulkans galten, zu reduzieren auf die Wirkung eines Tischfeuerwerks. So kam es ihm gerade recht, dass Jelinek zu ihrem alten, 1993 uraufgeführten Theatertext Wolken.Heim. für Peymann eine aktuelle Fußnote schrieb: Und dann nach Hause. So war Peymann mal wieder der Erste, der Erste nämlich, der ein Werk der Dichterin als Nobelpreisträgerin uraufführen durfte.

Wolken.Heim. ist ein aus Hölderlin, Hegel, Heidegger, Kleist, Fichte und aus Dokumenten der RAF montiertes Monstrum, das auf dem reißenden Strom Jelinekscher Theaterprosa dahinfährt. Deutschland spricht hier aus seinen Dichtern und Denkern. Ein mörderisches deutsches Wir wälzt sich aus der Zeit des Idealismus durch das Nazireich bis in die Gegenwart, es blubbert Wir brauchen Raum, O heil'ger Wald, wir sind bei dir zuhaus, Wir sind wir!

Wasch die Erde, dein deutsches Land, mit deinem Blute rein!, Das übrige mag in Flammen aufgehn, wir werden uns dran wärmen.

War Wolken.Heim. der plausible Versuch, das deutsche Doppelwesen - gewaltige Dichtung einerseits, gewaltige Mordenergie andererseits - im Akt der Geister- und Stimmenbeschwörung zu bannen, so tönt in Und dann nach Hause. nur die Sprache der Dichterin. Aus dem großen Wir wird eitel Wirrsinn. Anlass dieses Textes sind Ereignisse in der Autostadt Bochum, es geht um die drohende Schließung der Opelfabrik: Die deutschen Generalmotorentöchter (Motoren-Generalstöchter?) werden bis dahin so oder so verschwunden sein, als gäbe es was in der Höhe, das für sie erreichbar ist, das ist ein gutes sogar recht fleißig bergsteigendes Gefahrzeug gewesen, das Opelauto, ich hab selber mal eins gefahren. Früher. Als ich noch gefahren bin. Jetzt sehe ich zuviel Gefahr darin.