Ohne den Aufstand der Frauen wäre der bestialische Mord an dem 33-jährigen Robert McCartney Ende Januar durch Sinn Fein- und IRA-Mitglieder wohl eine weitere Fußnote der nordirischen Geschichte geblieben, wie so viele Schandtaten zuvor - rasch vergessen und nie gesühnt. Doch die fünf  Schwestern des Ermordeten, die in einer republikanisch-katholischen Hochburg Belfasts leben und als loyale Anhänger von Sinn Fein bekannt sind, begehrten auf. Sie ignorierten Einschüchterung und Drohung, sie gingen couragiert an die Öffentlichkeit und verlangten, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen würden. Ihr Mut überwand die Mauern des Schweigens, die von den Paramilitärs der IRA errichtet worden waren, um das Verbrechen zu vertuschen und die Täter zu schützen.

Tausend Bewohner von Short Strand, einer Enklave im Osten Belfasts, zogen hinter dem Sarg des Ermordeten her und bekundeten öffentlich ihre Solidarität mit seinen Angehörigen. An Häusermauern tauchten ungewöhnliche Graffiti auf - "IRA Abschaum" war da zu lesen. Die Proteste sprangen auf andere Städte über. In Derry klagten katholische Familien das Regime des Terrors an, dem ihre Söhne zum Opfer gefallen waren, sprachen von Zeugeneinschüchterungen und Drohungen durch die IRA.

Für die Untergrundarmee und ihren politischen Flügel Sinn Fein war der Aufruhr der Gefühle bei ihrer eigenen Basis ein Schock. Die IRA ist es gewohnt, in "ihren"  Vierteln der Provinz unangefochten zu herrschen, durch ein System von Überwachung und Einschüchterung. Die Selbstjustiz trifft nicht nur antisoziale Elemente, jugendliche Missetäter oder Drogenhändler, die sich auf das Terrain der Provos begeben haben, sondern auch Andersdenkende und  Kritiker, oder einfach Leute, die den Paramilitärs zufällig in die Quere kamen. Eben jemanden wie Robert McCartey, der in einen Streit hineingezogen worden war. Hunderten von jungen Nordiren wurden die Gliedmaßen oder Kniescheiben zerschmettert, Hunderte von Menschen ins Exil verbannt.

Der Terror nach innen dient auch dazu, die Katholiken davon abzuhalten, sich im prosperierenden Nordirland der politischen Kontrolle der Republikaner zu entziehen. Seit dem Ende des Bombenterrors hat sich die kriminelle Energie der IRA noch verstärkt. Ehemalige  Freiheitskämpfer mutierten zu einer Mischung aus Mafia und Hisbollah. Als "Psychopathen" bezeichnete Paula McCartney, eine der Schwestern des Ermordeten, die Täter aus den Reihen von Sinn Fein und IRA.

Dem Versuch von Gerry Adams, sie demonstrativ in die Arme der Bewegung zurückzuholen, indem er sie als Gäste auf dem Dubliner Kongress Sinn Feins feiern ließ, widersetzten sie sich. Die Untergrundarmee, sichtlich irritiert über die Revolte der Frauen, verstieg sich zu einer Geste, die ebenso entlarvend wie makaber war. Den Schwestern des Ermordeten bot sie an, die Täter zu erschießen.  Die Frauen lehnten ab. Wir wollen keine Blutrache, sondern Gerechtigkeit, sagten sie.

Statt  Lynchjustiz im Stil der IRA fordern sie Gerechtigkeit durch die Institutionen des Rechtstaates, den Sinn Fein und IRA immer noch ablehnen. Mit der bizarren Offerte hat die IRA erneut bestätigt, wes Geistes sie ist. Kein Wunder, dass Washington nun Gerry Adams, der sich gerne als visionärer Friedensmann feiern lässt, ausgeladen hat und am St. Patricks Day stattdessen die mutigen Frauen von Belfast im Weißen Haus empfangen werden.