Sechs Wochen ist es her, dass das irakische Volk seine neue Führung gewählt hat. Seitdem wird um die Regierungsbildung und aussichtsreiche Ministerposten geschachert. Die Aufteilung der Parlamentssitze zwischen den Parteien steht dabei schon fest. Am Mittwoch traf die irakische Nationalversammlung erstmals aufeinander – auf eine neue Regierung konnten sich die Abgeordneten nicht einigen.

Die Sitzung wurde mit Lesungen aus dem Koran begonnen und schon nach kurzer Beratung beendet. Ursprünglich wollte das Parlament noch vor der feierlichen Eröffnung ein Kabinett vorstellen. Doch das Geschacher um die Vergabe der wichtigsten Ämter und die Koalitionsbedingungen ist noch nicht beendet. Über die schleppende Regierungsbildung ist die irakische Bevölkerung zunehmend verärgert. "Wir sind genervt von diesen vielen leeren Worten, die zu keinem Ergebnis führen", wird ein Mann in Bagdad von der Nachrichtenagentur Reuters zitiert.

Die Iraker befürchten, dass die Verzögerung den Aufständischen in die Hände spielt, die den Aufbau eines demokratischen Irak verhindern wollen. Trotz massiver Sicherheitsvorkehrungen wurde auf das Parlament ein Angriff verübt. Wenige Minuten vor dem Beginn der Sitzung gingen zahlreiche Granaten in der stark befestigten Grünen Zone nieder. Es gab keine Berichte über Verletzte. Zu dem Angriff bekannte sich der irakische Arm der radikalen Moslemgruppe Al-Kaida.

Stärkste Fraktion im Parlament ist die Vereinigte Irakische Allianz. 140 der 275 Sitze konnte die Schiitenvereinigung bei den Wahlen Ende Januar auf sich vereinigen. Ihre Leitfigur ist Großajatollah Sistani, ein gemäßigter Schiit, der sich für einen säkularen Irak mit einer ans islamische Recht ausgerichteten Verfassung einsetzt. Doch als iranischer Staatsbürger wird er keinen Posten in der neuen Regierung besetzen. Vielmehr gilt er als geistlicher Vordenker der Schiiten im Irak und prägt so die Richtlinien der Politik des schiitischen Parteienblocks.

Als Wahlsieger kann die Vereinigte Irakische Allianz das Amt des Premierministers ausfüllen. Dafür vorgesehen ist nach wochenlangen Verhandlungen der derzeitige Vizepräsident der Übergangsregierung, Ibrahim Dschafari. Der 59-Jährige ist Vorsitzender der konservativen Dawa-Partei, die zusammen mit dem Hohen Rat für die Islamische Revolution (Sciri) den größten Block in der Vereinigten Irakischen Allianz bildet. Ranghohes Mitglied der Sciri-Partei ist der ehemalige USA-Scherge Achmed Chalabi. Er hat seine – aussichtslose – Nominierung für das Premierministeramt zu Dschafaris Gunsten zurückgezogen.

Ibrahim Dschafari ist gläubiger Schiit, wird aber als besonnener Politiker betrachtet, der keinen islamischen Staat nach dem Vorbild Irans errichten will. Dschafari hat sich seit den Wahlen für die Vereinigung des ethnisch gespaltenen Irak ausgesprochen. Für seine Ankündigung, die Sunniten bei der Neuordnung des Irak einzubeziehen, erhielt er viel Lob. Denn ohne eine aktive Unterstützung der gewählten Parteien hätten die Sunniten im neuen Irak wenig zu melden: Die größte sunnitische Partei, die im Übergangsparlament vertreten sein wird, die Partei des momentanen Interimspräsidenten Ghazi Jawar, erhielt nur 1,8 Prozent der Stimmen bei der Wahl. Die Sunniten machen etwa 15 Prozent der Bevölkerung aus. Die schlechten Ergebnisse sind auf die Wahlboykotte und die hohe Anschlagsgefahr am Wahltag in den sunnitischen Gebieten zurückzuführen. Ihre Einbeziehung in die Regierungsbildung wird als wichtiges Kriterium betrachtet, langfristig im Irak für Frieden zu sorgen, geht doch der Hauptanteil des Widerstandes von Sunniten aus. Die versöhnende Geste von Dschafari ist daher positiv zu bewerten, denn unter der Baath-Partei Saddam Husseins wurden die Mitglieder seiner Dawa-Partei verfolgt.