"Ich würde vor der Pressekonferenz gerne eine kurze Erklärung abgeben. Sie könnte viele von Ihnen überraschen." Das war eine Untertreibung. Im südspanischen Linares frappierte Schachlegende und Weltranglisten-Erster Garry Kasparow die Weltöffentlichkeit mit der Ankündigung seines Rücktritts vom professionellen Schach. Er werde sich in Zukunft verstärkt seiner Arbeit als Buchautor widmen und sich weiterhin politisch gegen Wladimir Putin engagieren, den er als "Diktator" bezeichnete.

Das Turnier in Linares hatte Kasparow zuvor knapp gewonnen. In der Endrunde hatte der Bulgare Weselin Topalow den bis dahin Führenden nach dreißig Zügen zur Aufgabe bewegt, so dass beide Spieler das Turnier mit 8 aus 12 Punkten abschlossen. Kasparow wurde aufgrund einer größeren Anzahl an gewonnenen Schwarz-Partien Turniersieger. "Ich hatte gehofft, in meinem letzten Spiel besser zu sein", bedauerte Kasparow auf der Pressekonferenz, "doch leider waren die letzten beiden Spiele sehr schwierig für mich – unter solchem Druck zu spielen, da ich wusste, dass dies das Ende einer Karriere darstellte, auf die ich stolz sein konnte. Ich werde vielleicht noch etwas Freizeit-Schach spielen, aber nicht länger professionelles Turnier-Schach." Er habe seine Leidenschaft für den Sport nicht verloren.

Diese Entscheidung habe er schon vor längerem getroffen, aber "ich wollte nicht in der schlechten Verfassung aufhören, in der ich vor sechs Monaten war. Ich wollte zurück zu meiner Top-Bewertung kommen. Ich wollte ein anständiges Schach zeigen. Ich wollte mir selbst vor allem beweisen, dass ich besser als andere spiele. Das habe ich getan. Was heute passiert ist, hatte nur wenig mit meinem Gegner zu tun. Ich bin einfach unter dem Druck zusammengebrochen, mein letztes Spiel zu spielen", zeigte er sich gewohnt selbstbewusst.

Als Grund für seinen Rücktritt gab der Weltranglistenerste das "völlige Chaos" in der Schachwelt in den letzten zwei Jahren an. Die Schachwelt ist seit 1993 gespalten, als der Schachweltverband FIDE (Fédération Internationale des Échecs) Kasparow den Weltmeistertitel aberkannte. Kasparow führte daraufhin mit seiner PCA (Professional Chess Association) eigene Weltmeisterschaften durch, so dass es jahrelang zwei Schachweltmeister gab. 2000 verlor Kasparow bei seinen PCA-Weltmeisterschaften den Titel an Wladimir Kramnik. Um das Schisma zu beenden, wollte Kasparow im Januar gegen den FIDE-Weltmeister Rustam Kasimdschanow antreten. Der Sieger aus diesem Spiel hätte gegen den Sieger aus einem Match Wladimir Kramniks gegen Peter Leko gespielt – der Sieger aus diesem Spiel wäre der nunmehr einzige Weltmeister gewesen. Dass das Spiel gegen Kasimdschanow, das in Dubai stattfinden sollte, abgesagt wurde, bezeichnet Kasparow als den Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte: "Als das passierte, wusste ich, dass ich nicht länger ein Teil der Schachwelt war." Er sei "ein Mann mit großen Zielen", sehe aber kein Ziel mehr in der Welt des Profi-Schachs.

Kasparow will nun seine Buchprojekte Meine großen Vorkämpfer und How Life Imitates Chess vollenden, das Muster aus dem Schachspiel auf Entscheidungsprozesse in anderen Bereichen übertragen soll. Außerdem werde er weiterhin einen gewissen Teil seiner Zeit der russischen Politik widmen, "wie es jeder anständige Mensch tun sollte, der ein Gegner des Diktators Wladimir Putin ist". Kasparow hat Putin und seine Politik bereits mehrfach heftig kritisiert.

Gefragt, ob irgendjemand in der Schachwelt ihn ersetzen könne, nannte er, nicht ohne ein längeres Zögern, die Jungstars Sergey Karjakin und Magnus Carlsen (beide Jahrgang 1990). Aber die Zeit werde erst noch zeigen müssen, ob sie die Schachwelt einmal so sehr beeinflussen werden wie er selbst – Kasparow war 1985 mit 22 Jahren der jüngste Schachweltmeister aller Zeiten geworden – und Bobby Fischer. Der Unterstellung, sein Rücktritt sei nur aus taktischen Gründen geschehen, wollte er zuvorkommen: "Ich will niemanden unter Druck setzen, noch will ich etwas Falsches oder Anmaßendes tun. Ich will einfach mein eigenes Leben leben."