Um es vorab ganz klar zu sagen: Dass entweder Essen oder Görlitz 2010 zur europäischen Kulturhauptstadt werden wird, ist eine gute, eine ganz untadelige Entscheidung. Beide Städte hätten es gleichermaßen verdient, sie verfügen über einen unverwechselbaren Charakter, sind typisch für ihre Region, auch für die historischen Epochen, die sie geprägt haben, es gibt für Reisende in ihnen viel zu entdecken - und die Kultur spielt in beiden Städten eine besondere Rolle, weil der Wirtschaftsdynamo schon lange nicht mehr schnurrt, sodass Bürgersinn und kommunale Anziehungskraft mit anderen Mitteln erzeugt werden müssen. Eben durch Kultur.

Aber nach der spannungsvoll erwarteten Entscheidung der Jury, nach all den Eitelkeiten, den Hoffnungen und kleinen Enttäuschungen, die in den Regionen der "Verlierer" ausgelöst wurden, bleibt eine Frage offen: Was ist eine europäische Kulturhauptstadt eigentlich? Die Phase der Bewerbung - ganz anders übrigens als vor Jahren in den Fällen von Berlin und Weimar - fand unter bemerkenswert reger Beteiligung der Bürger statt. Alle zehn Kommunen, Braunschweig, Karlsruhe, Regensburg, Lübeck, Kassel, Halle, Potsdam, Bremen samt den beiden Gewinnern, hatten sich in Sachen Stadtentwicklung mächtig ins Zeug gelegt. Von den gestarteten Projekten werden ihre Bürger in jedem Fall profitieren, und insofern war dieser Auswahlprozess auch ein hoffnungsvolles Indiz für die Regenerationskraft der Städte in Deutschland, ja man kann sagen für die Rückkehr des Kommunalen, also die Wiedereroberung der Stadt als attraktivem Lebensraum.

So weit die Botschaft nach innen. Und was heißt das nun für Europa? Ausgewählt wurden nicht die Schmuckkästchen, sei's Potsdam oder Lübeck, sondern Regionen mit erheblichen Problemen. Strukturwandel, Schrumpfung, Randlage, Armutsrisiko und desintegrierte Bevölkerungsstruktur, damit kämpfen das Ruhrgebiet und der niederschlesische Ostzipfel Deutschlands gleichermaßen. Aber in beiden Regionen eröffnet sich aufgrund der Grenzlage auch eine Chance, die alten Problempfade zu verlassen und im Prozess des europäischen Zusammenwachsens neue Lösungen zu finden. Insofern darf die Juryentscheidung vor allem als ein symbolisches Bekenntnis zur Vertiefung des Integrationsprozesses in Europa verstanden werden.

Dass dieser Prozess nicht (nur) durch die Wirtschaft erfolgt, sondern in der Lebenspraxis, der Lebenskultur stattfinden muss, mag inzwischen eine Binsenweisheit sein. Doch was das im Einzelnen heißt - und welche Lebenswirklichkeiten für die Menschen sich da entwickeln werden - ist noch einigermaßen unklar. Die europäische Kulturhauptstadt 2010 soll also so etwas wie eine Experimentierzone sein, die für eine Zeit lang mit den Privilegien der Aufmerksamkeit und der Strukturförderung ausgestattet sein wird. Auch wenn die EU im Sommer den endgültigen Sieger bestimmt, wird der "Unterlegene" die Ausstrahlungskraft einer europäischen Kulturstadt nicht wieder verlieren.