ANTWORTEN III Liebe Herren
Leserbriefe zur Kinderfrage
Auszüge aus Leserbriefen zu Stefan Lebert
»Nervende
Eltern« (
ZEIT
Nr. 9/05) finden
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Auszüge aus Leserbriefen zu Bernd Ulrich »Warum habt ihr Angst vor mir? (
ZEIT
Nr. 8/05) finden Sie hier
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Mit der Sonne in meiner Hand
Als Akademikerin und Mutter von zwei wunderbaren Kindern gehöre ich offensichtlich zu den glücklichen Outsidern. Trotzdem fühle ich mich durch die Artikel - »Warum habt ihr Angst vor mir?« und »Nervende Eltern« - doppelt angegriffen. Das Klischee der überklugen und lebensängstlichen Akademiker und das der egozentrischen Eltern, die sich eher selbst verwirklichen, bevor sie sich um ihre Kinder kümmern, kenne ich schon aus persönlicher Erfahrung. Allerdings erfuhr ich nicht aus diesen unerfreulichen Begegnungen, dass ich durch meine Kinder die Sonne in der Hand halte. Meine Kinder selbst waren es, die mir langsam mein Glück verständlich machten. Es sind Ihre unerwartete Berührung, ihr Lächeln, ihre unbeschwerte Art in die Welt zu sehen, die alle Zweifel auflösen und nachhaltig prägen.
Wie die meisten meiner Generation (Jg. 1970), bin ich nicht zur selbstverständlich Mutter geboren, auch nicht mehr dazu erzogen worden. Der Schwerpunkt im ersten Viertel meines Lebens lag an der Entwicklung einer selbständigen und gut ausgebildeten Persönlichkeit, die in der Lage ist für sich selbst zu sorgen - und zwar unabhängig davon, ob sie eines Tages einen Mann kennenlernt und mit ihm eine Familie gründet oder nicht. Ich glaube, den wenigsten meiner Zeitgenossinnen rieten ihre Eltern jemals, ihre Zukunft auf einen sie gut versorgenden Ehemann zu bauen und ihr Leben mit Kinderaufzucht (Hr. Ulrich) auszufüllen. Ich nenne es lieber Kindererziehung, womit sich meine Generation aus vielerlei Hinsicht doch etwas intensiver auseinandersetzt als vielleicht andere zuvor. Wir, die im Wohlstand aufgewachsen sind, stellen anscheinend andere Erwartungen an uns und an unsere Kinder. Wir wünschen eine partnerschaftliche Beziehung und Verantwortungsteilung innerhalb der eigenen Familie. Dies ist allerdings kein Egoismus. Es ist reiner Pragmatismus in einer sich stark veränderten Welt.
Die Mehrheit, die - lt. Herrn Lebert - sich selbstverwirklichen wollen, haben gar nicht mehr die finanzielle Möglichkeit dazu, freiwillig gar nur ein Viertel des eigenen Lebens ganz oder auch nur teils bei ihren Kindern zu Hause zu bleiben. Es sei, man büßt wesentlich materiell, und verabschiedet sich vom Mindestanspruch - den eigenen Kindern das zu bieten, wovon man einmal selbst als Kind profitiert hatte. Es handelt sich um reine Existenzsicherung und niemals um Selbstverwirklichung, wenn Menschen sich zwischen zwei so unterschiedlichen Welten und Anforderungen wie die der Kinder und die der Arbeit zerreissen. Wohlbekanntlich ist die Sensibilität für eine familienbewusste Arbeitswelt und das Verständnis für das Leben mit Kindern innerhalb unserem verhärmten Wirtschaftsklima gering. Somit verzichten Väter auf ihren Erziehungsurlaub meist auch nicht aus mangelnder Liebe zu ihren Kindern. Sie wissen, dass sie sich mit diesem Schritt in Deutschland - mit vereinzelten Ausnahmen - von ihrer Karriere verabschieden. Bemerkenswert ist, dass in Schweden derselbe Schritt sich karrierefördernd auswirkt. Es ist wenig hilfreich sich gegenseitig zu beschuldigen und andere Zeiten unter die Nase zu halten. Ich bin froh, dass wir zur Zeit eine aufgeklärte, intrinsisch motivierte Bundes-Familienministerin haben, die die Situation meiner Generation realistisch einschätzt und viele Themen enttabuisiert. Sie wird alleine die perfekten Lösungen weiterhin nicht herbeizaubern können. Es ist an der Zeit, dass wir alle an konstruktiven Lösungen mitarbeiten und den Kleinkrieg beenden.
Sári Móna, München
Ein bisschen Egoismus für alle
Um die Eckdaten kurz festzustecken: zweifache Mutter, Akademikerin, Spätgebärende, wenig Geld. Schon bevor ich auch nur einen Gedanken an eigene Kinder verschwendet habe, beobachtete ich von Zeit zu Zeit in der Bahn zeternde Mütter mit ihren Kleinkindern auf dem Weg zum heimischen Abendbrottisch und fragte mich, wie das wohl zu Hause weitergehen mag. Ich kann meinen Eindruck nur mit Ihren Worten wiedergeben: Gestresst, genervt, gereizt.
Als ich mit meinem ersten Kind schwanger war, habe ich Überlegungen angestellt, wie ich Spielplätze umgehen könnte, ohne meinem Sohn einen lebenslangen Schaden zufügen zu müssen. Ich ahnte wohl, dass die Nerven weniger durch die Kinder als vielmehr durch die Eltern strapaziert würden. Und nun kann ich es laut und mit großer Überzeugung aus einem Quell nicht versiegender Erfahrungen herausrufen: "Ja, es ist so. Die Nervsäcke sind die Eltern."
Gut, ich denke, auch ich habe meine Macke, was die Kinder angeht. Aber wir leben damit, dass wir mal in der Bahn rumzetern und uns dann beim Abendessen dafür schämen.
Ich bin mir fast sicher, ohne meinen Sohn Jori wäre ich jetzt keine diplomierte Soziologin. Was habe ich gehadert mit diesem elenden Studium. Dieses Kind hat Kräfte in mir freigesetzt. In der Elternzeit habe ich, teilweise neben meiner Arbeit, mein Diplom gemacht. Habe sogar auf mein geliebtes Mittagsschläfchen verzichtet, um zu schreiben. Die Mutterschaft hat mir eine Struktur gegeben, die ich nie richtig hatte. Die Zeit zuvor war herrlich, aber es wurde für mich Zeit für eine neue Zeit. Ich musste etwas ändern - wegen Jori. Und das ist schöner als alles zuvor erlebte.
Wie war das noch, Herr Lebert? Eltern neigen dazu, ihre Kinder zu funktionalisieren? Das stimmt. Kinder geben Stärke, rücken Sichtweisen zurecht und verschieben Prioritäten. Zu wenig Sex, zu wenig Geld, zu wenig Erfolg, zu wenig Bildung…ja, ja.
Sicher, Kinder, gerade die Frühaufsteher, sind ein prima, wenn auch nicht immer wirksames, Kontrazeptivum.
Zuwenig Geld - stimmt, ein leidiges Thema. Berechnungen, dass ein Kind bis zu seiner Ausbildung etliche Euro kostet, mögen auf Viele verhütend wirken. Uns hat es nie interessiert. Obwohl es, wie ein Ökonom einmal in einem Interview sagte, ökonomischer Wahnsinn sei, Kinder in die Welt zu setzten. Sei's drum. Wir gehen dieses Jahr auf unsere alten Tage wieder zelten.
Erfolg …sehr subjektiv gesehen fühle ich mich erfolgreicher denn je. Für mich, respektive uns, ist es ein Erfolg, wenn Jori die kleinen Lebensklippen eines Vierjährigen sicher umschifft, wenn er stolz wie Bolle Fahrrad fährt und sich traut, das Pixie-Buch allein zu bezahlen. Ich werte es als persönlichen Erfolg, wenn ich es schaffe, nicht an jeder Straßenecke zu rufen, er solle bloß auf uns warten und rüberschieben statt zu fahren, obwohl mein Adrenalinspiegel an seine Grenzen geht.
Meine Arbeit kann ich mit mehr Gelassenheit und Konzentration machen, eben weil ich sie nicht mehr als Dreh- und Angelpunkt sehe.
Zu wenig Bildung - wenn man von der Schwangerschafts- und Stilldemenz einmal absieht, sorge ich für meinen Kopf.
In unserer Runde gehörte es zum guten Ton, möglichst schnell wieder zu arbeiten. "Was? Du willst ihn erst mit zwei weg geben?" Ach, etwas mehr Nonchalance und "jeder soll nach seiner Fasson selig werden" würde dem Leben viel bringen.
Kinder sind erstaunlich anpassungsfähig und haben die Gabe sich schnell und oft sehr souverän in Situationen hineinzufinden. Aber das geht nur, wenn sie in einer Atmosphäre der Liebe, Lebendigkeit und Sicherheit leben. Wenn sie mit ihren Eltern im Leben stehen und auch mal Unwegsamkeiten mitbekommen. Es ist nicht immer alles schön bunt. Eltern streiten sich auch mal, Eltern schimpfen auch mal. Sie müssen sich auch entschuldigen können. Kinder lieben einen, so wie man ist. Sie finden einen wahlweise blöd, doof oder gemein und meinen, dass man eine alte Socke oder ein Pups sei, aber eigentlich lieben sie diese alten Socken bedingungslos. Wir sie auch. Und da kann man sich auch ruhig erlauben, ein bisschen egoistisch zu sein. Sie sind es auch. Zu Recht.
Anette Harasimowitsch, Bremen
Schluss jetzt!
Ich kann dieses Gejammere in den Leserbriefen nicht mehr lesen!
Ein oder mehrere Kinder sind eine Gnade, sind ein Geschenk. Natürlich machen Kinder Sorgen und das nicht zu wenig. Aber die sie bedeuten zuallererst Freude. Wir haben unsere Älteste während Abitur und Erstsemester bekommen, die nächsten kamen nach Beendigung des Studiums - da haben wir damals doch keine Wirtschaftlichkeitsberechnung angestellt, was uns die Kleinen kosten. Ich bin seit elf Wochen stolzer Großvater von zwei Enkeln meiner Töchter - und könnte kaum glücklicher sein.
All Ihr Griesgrämer, schaut Euch ein Babylachen an, und Ihr werdet mich verstehen - vielleicht?
Erhard Heisel, Laudenbach
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