Grafik: Die wichtigsten Rohstoffexporte Lateinamerikas (PDF) "

Argentinien hat seine ökonomische Wiederbelebung in den vergangenen zwei Jahren vor allem einer kleinen Bohne zu verdanken: der Sojabohne. Mit ihrem Verkauf in alle Welt kam so viel Geld in die Staatskasse, dass sich das durch schwere Wirtschaftskrise und Staatsbankrott getroffene Land unerwartet rasch erholt hat.

Auch andere Rohstoffe sind weltweit gefragt: Weizen, Kupfer, Stahl, Aluminium oder Erdöl. Zu den Gewinnern dieses Booms gehören etliche Länder Lateinamerikas. Verantwortlich für die Rekordpreise ist nicht nur das rohstoffhungrige China, sondern auch ein begrenztes Angebot, weil die rohstoffreichen Länder am Rande ihrer derzeitigen Förder- und Transportkapazität angelangt sind.

Multinationale Agrarunternehmen wie Cargill, Continental Grain oder Archer-Daniels-Midland kaufen sich in Rohstoffabbau und -verarbeitung sowie in die Infrastruktur der Region ein. Die Nettodirektinvestitionen in Lateinamerika stiegen im vergangenen Jahr um beeindruckende 60 Prozent auf knapp 50 Milliarden Dollar. Der chinesische Präsident Hu Jintao, der sich eine reibungslose Rohstoffversorgung sichern will, kündigte an, in den nächsten zehn Jahren 100 Milliarden Dollar in die Region zu investieren. Obwohl der Sog aus China etwas nachgelassen hat, weil die Regierung die chinesische Konjunktur gerade bremsen will, erwarten die Volkswirte der amerikanischen Bank JP Morgan schon von 2006 an wieder "eine anhaltend hohe Nachfrage, die mindestens bis zum Ende der Dekade besteht".

Trotz guter Aussichten werden Ökonomen nicht müde, vom "Rohstofffluch" zu sprechen, der auf den Ländern Lateinamerikas laste: Die US-Amerikaner Jeffrey Sachs und Andrew Warner belegten 1995 anhand einer vergleichenden Studie zu 97 Entwicklungsländern, dass jene mit einem hohen Rohstoffanteil am Export ein niedrigeres Wirtschaftswachstum als rohstoffarme Länder aufweisen. Ein besonders herausragendes Negativbeispiel war schon damals Venezuela, das seit den 1920er Jahren zu den größten Ölproduzenten der Welt gehört und trotzdem nie ein solides Wachstum erreichen oder seine hohe Armutsrate abbauen konnte. Staaten mit reichen Vorkommen würden tendenziell über ihre Verhältnisse leben und deshalb langsamer wachsen, formulierten Sachs und Warner. "Leichter Reichtum macht faul." So auch dieses Mal?

Seither haben Wissenschaftler den Rohstofffluch weiter erforscht: In vielen Ländern würden aufgrund des Ressourcenreichtums mächtige Interessengruppen entstehen, die sich Einfluss verschaffen und die Erlöse aus dem Rohstoffgeschäft durch Subventionen, Zölle oder Monopole abzuschöpfen versuchen. Zu solchen Strukturen passt das Argument von Ökonomen wie Halvor Mehlum, Karl Moene und Ragnar Torvik von der Universität Oslo. Für sie sind etwa die Verlässlichkeit des Rechtsstaates oder die der Wettbewerbshüter entscheidend dafür, ob sich Rohstoffreichtum vorteilhaft oder negativ auf ein Land auswirken. "Der Rohstofffluch gilt nur für Länder mit schwachen Institutionen", sagen die skandinavischen Wissenschaftler.

Hemmend wirkt sich auch die so genannte Holländische Krankheit aus: Sie beschreibt das Phänomen, dass sich die Rohstoffindustrie in Boomzeiten oft auf Kosten anderer Branchen ausdehnt: Qualifizierte Arbeitskräfte und Kapital werden aus der Industrie abgezogen, obwohl diese langfristig nachhaltiger wachsen könnte. Zudem führten die hohen Exporterlöse dazu, dass sich die Währung aufwertet, was die übrigen Exportsektoren auf dem Weltmarkt weniger wettbewerbsfähig macht. Der Name Holländische Krankheit geht auf die Erfahrungen der Niederlande nach Entdeckung des Groninger Gasfelds in den siebziger Jahren zurück, als der Erdgassektor stark auf Kosten von Landwirtschaft und Industrie expandierte. Als der Boom vorbei war, brach das Wirtschaftswachstum ein. Holland hat seither den "Rohstofffluch" überwunden. Viele Länder Lateinamerikas noch nicht.