Rohstoffe Verdammtes ÖlSeite 2/2

»Naturressourcen können, sofern sie klug eingesetzt werden, die Basis für Investitionen in Humankapital, Technologie und Infrastruktur bilden, die gebraucht werden, um einen nachhaltigen Wachstumsprozess zu starten«, sagt Jeffrey Sachs heute. Die hohen Erlöse aus dem Ressourcenreichtum sollten eingesetzt werden, um Schulden abzubauen, die Armut zu bekämpfen und Branchen zu fördern, die eine Abhängigkeit von Rohstoffexporten verringert, meint auch Peter Rösler, stellvertretender Geschäftsführer des Ibero-Amerika Vereins. Auf keinen Fall jedoch »dürfen die zusätzlichen Einnahmen für die laufenden Staatsausgaben verpulvert werden«, mahnt Rösler. Dies gilt insbesondere für Länder wie Chile, Peru und Venezuela, deren Rohstoffe Öl und Kupfer nicht nachwachsen.

Brasilien und Mexiko versuchen bereits seit den siebziger Jahren, sich umzuorientieren: Die brasilianische Regierung nutzt die Handelsüberschüsse aus dem Rohstoffboom, um seine hohe Verschuldung abzubauen und weniger krisenanfällig zu werden. So wie Mexiko dank der Nähe zum US-Markt und der Einbindung in die Nordamerikanische Freihandelszone Nafta eine florierende verarbeitende Industrie etwa im Textilbereich aufbauen konnte, hat auch Brasilien seine Abhängigkeit von Rohstoffexporten verringert. Begünstigt durch die Größe des heimischen Marktes, konnten sich dort international wettbewerbsfähige Unternehmen entwickeln, etwa im Flugzeugbau, in der Automobil- und der Lebensmittelindustrie. So gehören Mexiko und Brasilien mittlerweile nicht mehr zu den klassischen Rohstoffländern, auf die sich Sachs und Warner beziehen.

Auch Chile hat große Fortschritte auf dem Weg zu einem langfristig stabilen Wachstum gemacht, obwohl das Land noch immer von einem einzigen Rohstoff abhängt wie kaum ein anderes in der Region. Doch die Chilenen richteten schon 1987 einen Kupfer-Stabilisierungsfonds ein, in den von einem bestimmten Preisniveau an eingezahlt wird. Strikte Regeln steuern zudem die öffentlichen Ausgaben so, dass ein langfristiger durchschnittlicher Überschuss von einem Prozent des Bruttoinlandsprodukts erreicht wird. Schließlich hat Chile auch stabile staatliche Institutionen aufgebaut und seine Handelspartner mit Hilfe vieler Freihandelsabkommen vermehrt. »Die chilenische Regierung verfolgt eine sehr umsichtige Politik«, lobt denn auch die US-Agentur Moody’s, die die Kreditwürdigkeit von Ländern untersucht.

Selbst für den Musterschüler Chile sei es jedoch noch ein langer Weg, bis es sich endgültig vom »Rohstofffluch« befreien könne, meint Jeffrey Sachs. Ganz zu schweigen von Venezuela. Brasilien und Mexiko beschritten so wie mehrere ostasiatische Volkswirtschaften den klassische Entwicklungspfad: Sie begannen arbeitsintensive Produkte wie Textilien oder einfache, standardisierte Elektronikprodukte herzustellen und zu exportieren, verbesserten dabei ihr Gesundheits- und Bildungssystem, steigerten die Produktivität und können mittlerweile schon Hochtechnologie herstellen.

Dieser Weg stünde Ländern wie Chile, Argentinien oder auch Venezuela nicht mehr offen, sagt Sachs heute, denn ihre Bevölkerung habe bereits einen relativ hohen Entwicklungsgrad erreicht, sodass eine arbeitsintensive Billigproduktion wie in China oder Indien nicht mehr möglich sei. Stattdessen müssten die lateinamerikanischen Rohstoffländer »direkt in die Hochtechnologie-Industrie und Dienstleistungswirtschaft einsteigen und mit technologischen Innovationen aufwarten«. Ähnlich wie Ostasien sollten sie multinationale High-Tech-Firmen anziehen und vor allem »in ihre Leute investieren«. Das wäre ein ehrgeiziges Ziel.

 
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