Der etwas pompös inszenierte "internationale Gipfel über Terrorismus, Demokratie und Sicherheit", der von 8. bis zum 11. März in Madrid tagte, sollte nicht zuletzt dazu dienen, ehemalige Staats- und Regierungschefs vorübergehend ins Rampenlicht zurück zu holen: Fernando Cardoso aus Brasilien zum Beispiel, Felipe González aus Spanien oder Lionel Jospin aus Frankreich. Warum auch nicht? Das wäre allerdings, trotz eines kurzen Auftritts von Kofi Annan, nicht weiter der Rede wert gewesen.

Aber in mehreren work-shops und Podiumsdebatten ging es in der spanischen Hauptstadt, abseits der üblichen Zeremonien, dann doch um mehr als Selbstdarstellung, Allgemeinplätze und Sprücheklopfen. Fachleute zum Thema Terror und Terrorbekämpfung aus dem akademischen, politischen, diplomatischen und polizeilichen Milieu gaben ein ungeschminktes Bild der aktuellen europäischen Sicherheitslage. So war die Konferenz, entgegen manchen Befürchtungen, unterm Strich dann doch mehr als nur ein höfischer Event zum Gedenken an den 11. März 2004 - den Tag der Sprengstoffanschläge auf drei Pendlerzüge in Madrid, denen 191 Menschen zum Opfer gefallen waren und an deren physischen und psychischen Folgen viele Hunderte heute noch leiden.

Die Summe der Expertenbeiträge ließ keinen Zweifel: Die Gefahr des islamistischen Terrors richtet sich gegen Europa genauso wie gegen Amerika. Kein Land ist inzwischen davon ausgenommen, gleich, ob es am Irakkrieg teilgenommen hat wie Großbritannien oder Spanien, ob es sich ihm - wie Deutschland - demonstrativ widersetzte oder - wieder wie Spanien - nach einem Regierungswechsel sich daraus sofort zurück zog. Auch Deutschland ist Zielgebiet, hieß es in Madrid, das öffentliche Bewusstsein mag sich dieser Perspektive noch so sehr verweigern. Als Rückzugs- und Vorbereitungsraum hat die Bundesrepublik, wie man inzwischen weiß, lange genug gedient. Lohnende Ziele gäbe es aus Sicht der Terroristen genug.

Dass auch ein kleines, traditionell aber offeneres Einwanderungsland wie die Niederlande, das gleichfalls seit langem als Rückzugs- und Ruheraum für islamistische Terroristen dient, inzwischen auch Operationsgebiet für "integrierte", fanatisierte Moslems dient, wissen wir spätestens seit dem 2. November 2004. An diesem Tag wurde in Amsterdam der Filmemacher Theo van Gogh von einem aus Marokko stammenden Niederländer auf offener Straße brutal ermordet - als Opfer stellvertretend für die liberale Abgeordnete Ayaan Hirsi Ali (geboren in Mogadischu), mit der van Gogh kurz zuvor einen provokativ-kritischen Film über die Unterdrückung der Frau im Islam gedreht hatte. Beide Daten, der 11. März und der 2. November, sind ungeachtet ihres unterschiedlichen Charakters eine Art europäische Analogie zum amerikanischen 11. September 2001, dem Tag der Flugzeuganschläge auf die Zwillingstürme und das Pentagon.

Wunden, die sich nicht schließen wollen. Im Gegenteil, die Folgen werden immer schmerzhafter spürbar. Die Niederlande sind heute weiter denn je entfernt von der bewussten Toleranz, von der naiven Sorglosigkeit, erst recht natürlich auch von der sträflichen Gleichgültigkeit, mit der sie bisher mit der Immigration und deren Folgen umgegangen sind. Die Emotionen gehen hoch in dem Land, das lange Zeit in aller Welt für seine Gelassenheit gepriesen wurde. Und viele klagen, dass Holland geistig seit dem 2. November enger geworden sei.

Womöglich noch tiefere Spuren hat in der spanischen Gesellschaft der 11. März hinterlassen. Die parlamentarische Untersuchung des Madrider Attentats ist nun, nach einer Serie von zwar spektakulären, aber unergiebigen öffentlichen Anhörungen, formell abgeschlossen worden. Von Einigkeit der Demokraten kann aber keine Rede sein. Die konservative Volkspartei (PP) weigert sich - im Gegensatz zu allen anderen Parteien des spanischen Parlaments - , den Abschlussbericht über die Anhörung zu akzeptieren. Die PP sei entschlossen, die Opfer zu schützen und die Wahrheit anzuerkennen, wetterte Mariano Rajoy, sie weigere sich aber ein "betrügerisches Dokument" zu unterschreiben, das ausschließlich "parteilichen Interessen" diene. Also den Interessen der regierenden Sozialisten. So eine Erklärung ist, salopp gesagt, ein ziemlicher Hammerhieb, unter dem jeder Versuch, neuen Konsens herzustellen, zu Bruch gehen muss.

Der Hintergrund ist klar: Verzweifelt klammert die PP sich an die These, dass die Tat des 11. März auch einen baskischen Hintergrund habe, wenn schon nicht eine alleinige Urheberschaft der baskischen Terrororganisation Eta. Ursprünglich hatten der damalige Ministerpräsident José María Aznar und sein Innenminister Acebes ja auf dieser These - die Eta war's! - bestanden. 11. März, das hieß: noch drei Tage bis zur Wahlsonntag und aus Umfragen vor der Attentat wusste man, die Linken holen auf. Da war für die Regierung die Versuchung groß, die Eta, diesen innerspanischen Todfeind der konservativen Regierung, als Schuldigen zu definieren. Schließlich war dieser Verdacht anfangs ja zumindest nicht ganz unplausibel, auch wenn die Eta-Killer eher als kaltblütige Genickschussexperten berüchtigt sind. Eine islamistische Spur hingegen, das wussten die Wahlstrategen der PP, würde den zum Glück fast schon vergessenen unpopulären Irakkrieg - "No a la guerra" war der populärste Vorwahlkampfslogan der Linken - wieder ins Bewusstsein rücken: Das durfte nicht sein! Doch je mehr die Beweislage in Richtung Al Quaida wies und je mehr die Regierung auf der Eta-Spur beharrte, desto rascher verlor Aznars PP an Boden. "Lügner" wurde zum Hauptslogan, die PSOE schürte die Empörung und am Ende stürzte die Regierung - dank ihrer eigenen Fehlkalkulation - in der Tat über den Terror.

Seither stricken Aznar, Acebes und - mehr aus Solidarität denn aus Überzeugung - der besiegte Spitzenkandidat und neue Parteichef Rajoy an der Legende, der neue Ministerpräsident José Rodríguez Zapatero verdanke seinen Job eigentlich ausschließlich dem Terrorismus. Und sie beharren darauf, dass in Wahrheit Eta zumindest mit in die Vorbereitungen zu dem Attentat eingebunden war, vor allem mit logistischer Hilfe (Sprengstoffbeschaffung). Erzählt wird auch, inhaftierte Eta-Aktivisten hätten im Gefängnis Verbindungen zu dem Islamisten geknüpft und die neue Regierung unterdrücke mit Hilfe links gerichteter Mitarbeiter der Guardia Civil entsprechende Beweise. Solche kühne Verschwörungstheorien haben in Spanien hüben und drüben eine lange Tradition. Sie entfalten, wie früher, ihre vergiftende Wirkung.

So sind heute, ein Jahr nach dem Massaker von Madrid, die gegensätzlichen demokratischen Lager entlang der fatalen Trennlinie zwischen den "zwei Spanien" der nationalen Geschichte tiefer gespalten denn je zuvor seit der postfranquistischen Rückkehr zur Demokratie. Eine solche Spaltung innerhalb des demokratischen Westens sei eines der Hauptziele der islamistischen Aggression, lautete eine der Grundthesen der Terrorismusexperten auf der Madrider Konferenz. Niemand widersprach dieser Analyse. Die politische Atmosphäre in Spanien wirkt dazu wie eine aktuelle Illustration. Die Killer des 11. März waren offensichtlich erfolgreich.