Um 7.40 Uhr kommt der internationale Terror in Europa an. Durch die Bombenanschläge von Madrid am 11. März 2004 sterben 191 Menschen, 1.600 werden verletzt. Der Plan der Terroristen war noch viel grauenhafter als das Verbrechen selbst. Dreizehn mit Sprengstoff bestückte Sporttaschen verteilten die Attentäter auf vier Züge, nachdem sie wochenlang den Zugverkehr analysierten. Weckuhren von Handys wurden als Sprengstoffzünder programmiert. Sie sollten explodieren, sobald die Züge in der Bahnhofshalle von Atocha in Madrid einfahren. Die Explosion hätte den Umsteigebahnhof in Schutt und Asche gelegt und Tausende von Madrilenen auf dem Weg zur Arbeit in den Tod gerissen. So explodieren die Züge auf unterschiedlichen Streckenabschnitten, zwei davon im Bahnhof Atocha.

Zunächst fällt der Verdacht auf die Eta. Die baskische Terrororganisation dementiert und verurteilt – erstmals - ein Attentat. Dennoch hält die konservative Regierung an dieser Version fest. Abends ruft Ministerpräsident Aznar bei den wichtigsten spanischen Zeitungen an und gibt sich überzeugt: "Es ist Eta." Experten trauen den Basken kein Attentat dieser Größenordnung zu. Auch bei der Polizei verdichten sich Hinweise auf einen islamistischen Anschlag. In einem Lieferwagen in Nähe des Abfahrtsbahnhofs werden Dynamit und Koranverse sichergestellt, Augenzeugen berichten von sich auffällig verhaltenden Arabern. Eine eindeutige Spur der Ermittler ergibt sich aus einem Fund in einem zerstörten Zug. Eine der Sporttaschen explodierte nicht, der Auslöser war auf 19.40 Uhr programmiert, zwölf Stunden zu spät. Die Telefonkarte im Handy weist auf einen marokkanischen Händler in Madrid namens Jamal Zougam hin, ein mutmaßlicher Drahtzieher. Er wird sofort festgenommen, kurz darauf auch zwei Landsleute und zwei Inder, die in Verbindung zu ihm stehen.

In einem Vorort Madrids durchsucht die Polizei wenige Tage später das Gelände. Aus einer Wohnung wird auf die Beamten geschossen. "Allah ist größer" ruft es aus dem Appartment, als die Polizei den Wohnblock absperrt. Ein Sondereinsatzkommando stürmt Wohnung. Als die Beamten die Türe öffnen, erschüttert eine Explosion das Gebäude. Mit dem gleichen Sprengstoff wie in den Zügen sprengen sich sieben der arabischen Terroristen in die Luft, ein Polizist stirbt dadurch.

Ein Jahr später gilt die islamistische Zelle als ausgehoben. Mehr als dreißig mutmaßliche Teilnehmer, Hintermänner und Gehilfen warten auf ihren Prozess im Herbst. Einige wenige Beteiligte sind flüchtig und werden in Europa und teilweise im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet vermutet. Auch die Hintergründe sind klarer. Schnell konnten die Behörden die Attentäter ins islamistische Umfeld einordnen. Verbindungen zu verschiedenen Al-Qaida-Drahtziehern bestanden, auch zu Mohamed Atta in der Hamburger Zelle, einem Attentäter des 11. Septembers. Und das Motiv ist im Irakkrieg zu finden. Das mutmaßliche "Gehirn" der Terroristen, der Tunesier Serhane Ben Abdelmajid, soll gesagt haben: "Man muss in Spanien ein Attentat verüben, weil es Krieg gegen Muslime führt." Adrian Pohr