Der 11. März 2004 stellt eine Zäsur für die politische Landschaft Spaniens dar. Drei Tage später wählte das spanische Volk die konservative Aznar-Regierung aus dem Amt. Ein politischer Hintergrund des Massenmordes ist wahrscheinlich: Die Abwahl des Regierungschefs, der mit spanischen Soldaten das US-Militär im Irak unterstützte, lag im Interesse der Attentäter aus islamistischem Umfeld. Neuer erster Mann in Spanien wurde Rodriguez Zapatero, dessen sozialistische Partei PSOE jahrelang von einer Krise in die nächste stürzte.

Eine der ersten Amtshandlungen Zapateros war, dass er die spanischen Truppen aus dem Irak abzog. Die Amerikaner zeigten sich über diesen Schritt nachhaltiger enttäuscht als von den Kriegsverweigerern Frankreich und Deutschland, welche auf der europäischen Versöhnungstour von US-Präsident George W. Bush und seiner Außenministerin Condoleezza Rice besucht wurden - im Gegensatz zu Spanien. Durch den Machtwechsel in Madrid zeichnete sich ein deutlicher Richtungswechsel im diplomatischen Verhältnis zu den USA ab. Einer Rumsfeldschen Klassifizierung von Freunden und Gegnern Amerikas zufolge hatte Spanien unter Aznar dem "neuen" Europa angehört, den Amerika-treuen Staaten. Jetzt näherte sich die sozialistische Regierung an das "alte" Europa an. In dessen Zentrum Paris-Berlin war man sichtlich erfreut; den Vorgänger Aznar hat man dort als eigenbrötlerischen Regierungschef in nicht allzu guter Erinnerung behalten.

Gleich nach der Wahl kam die Rede von den "zwei Spanien" auf, dem konservativen und dem sozialistischen, die nach dem Sieg der PSOE durch einen neuen Graben getrennt würden. Innenpolitisch legte sich Zapatero mit der mächtigen Kirche an, als er sich für die Homo-Ehe und Abtreibung stark machte. Doch als linker Hardliner wird Zapatero nicht gesehen. Eher gilt er als wenig offensiv im politischen Alltagskampf und als "Politiker des Dialogs". Seiner Popularität in der Bevölkerung hat dieses Image nicht geschadet: Er ist unangefochten der beliebteste Politiker im Land. So ist die Trennlinie der "zwei Spanien" nur begrenzt in der Bevölkerung festzustellen – die Zustimmung zur EU-Verfassung bestätigt das – sondern eher im politischen System. Die rechtskonservative Volkspartei Aznars (PP) befindet sich seit Jahren im Kleinkrieg mit den Sozialisten. Durch die parlamentarische Isolation der früheren Regierungspartei werden ihre Anklagen an die PSOE immer schriller.

Das entscheidende Duell der politischen Rivalen fand Ende letzten Jahres im Untersuchungsausschuss zu den Madrider Anschlägen statt. Dort gab sich Zapatero zur Überraschung der spanischen Medien ungewohnt kämpferisch. Seine permanente Höflichkeit hatte er abgelegt, als er seinem Vorgänger Aznar "massive Täuschung" der Öffentlichkeit und eine Vernachlässigung der Sicherheitspolitik vorwarf. Aznar hatte bis zur Wahl, die drei Tage nach den Anschlägen stattfand, die baskische Terrororganisation Eta für das Attentat verantwortlich gemacht – trotz eines gegenteiligen Ermittlungsstandes. Er hatte sich dadurch bessere Wahlchancen erhofft, da er konsequent gegen die Organisation vorgegangen war und bei einem islamistischen Hintergrund des Anschlags seine unbeliebte Irakpolitik abermals ins Zentrum der Kritik gerückt wäre. Aznar wurde auch abgewählt, weil das spanische Volk seine Täuschungsmanöver durchschaute. Im Untersuchungsausschuss hielt Aznar an seiner Verschwörungstheorie fest, die Eta, die Sozialisten, Teile der Medien und mysteriöse ungenannte Feinde seien in das Attentat verwickelt, das zu seinem Sturz führen sollte. Eine These, die zwar im eigenen Parteilager Zustimmung findet, sonst aber eher belächelt wird.

Der Untersuchungsausschuss hatte einen anderen Helden. Die Mutter eines bei dem Anschlag getöteten Jungen, Pilar Manjon, sprach vor dem Gremium und kritisierte an den beiden Parteien, den Anschlag für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Sie hätten die ganze Zeit "die Opfer als Wurfgeschosse und als Argumente zur Herabsetzung der Gegenseite benutzt." Pilar Manjon hat damit nicht nur den Hinterbliebenen der Opfer aus der Seele gesprochen, sondern auch starke Sympathien in der Bevölkerung auf sich gezogen.

Dieser Tage findet zum Jahrestag der Anschläge eine Anti-Terror-Konferenz in Madrid statt. Mehrere ranghohe Politiker und 200 Fachleute aus aller Welt werden hier über die Ursachen des Terrorismus und die Möglichkeiten zur Bekämpfung debattieren. Am Ende der Konferenz soll ein Leitfaden für den internationalen Anti-Terror-Kampf entwickelt werden. Pilar Manjon, mittlerweile Sprecherin des Opferverbandes, will dem Treffen und allen Gedenkfeiern fern bleiben. Für die Angehörigen der Opfer gebe es am Freitag "nichts zu gedenken", erklärte sie. "Der 11. März war der schmerzvollste Tag unseres Lebens, und wir möchten alleine trauern."