Was geht den Chef mein Liebesleben an! Empörung greift Raum und kulminiert in einer Arbeitsgerichts-Klage. Der Betriebsrat von Wal-Mart Deutschland selbst geht gegen seinen eigenen Konzern vor. Der Angriff der Betriebsräte richtet sich gegen Ethikrichtlinien, die Wal-Mart erlassen hat. Vordergründig. Doch der Kampf zwischen Mitarbeitern und Konzernführung steht auch für einen tieferen Konflikt: das Ringen zweier Unternehmenskulturen, der deutschen und der amerikanischen.

Der Kulturkonflikt geht schon ins achte Jahr. Und immer noch belastet er die deutsche Bilanz des größten Einzelhandelsunternehmens der Welt. Der Gigant Wal-Mart, der im vergangenen Jahr weltweit 285,2 Milliarden Dollar umsetzte und mehr als zehn Milliarden gewann, der rund 1,5 Millionen Menschen beschäftigt, hat sich in Deutschland noch immer nicht eingerichtet. Lange unterschätzte die Konzernführung den harten deutschen Wettbewerb, die relativ hohen Löhne, die Regulierungen, denen der Einzelhandel unterliegt. Auf der Liste der größten deutschen Einzelhandelsketten rangiert Wal-Mart nicht einmal unter den ersten zehn. Umsatzschätzungen von Branchenkennern weisen nach unten. Fünf Milliarden Euro hieß es noch vor fünf Jahren. Inzwischen ist man bei 2,8 Milliarden angekommen. Wal-Mart selbst gibt keine Geschäftszahlen bekannt.

Weiterer Filiale droht Schließung


Nun meldet die Financial Times Deutschland, Wal-Mart werde im Juni abermals eine Filiale schließen, vermutlich im saarländischen Neunkirchen, nachdem zwei Läden in Solingen und Erkelenz bereits in wenigen Wochen an den Konkurrenten Kaufland übergeben werden müssen. Noch macht der Leiter der deutschen Wal-Mart-Tochter, Kay Hafner, Hoffnung. Der Manager spricht davon, das Unternehmen wolle sich der Gewinnschwelle weiter nähern. Doch wann man die erreichen könnte, darüber schweigt Hafner sich aus.

Wal-Marts Kurs heißt Wachstum. Immer wieder ist es dem Konzern in der Vergangenheit gelungen, konjunkturelle Turbulenzen zu überstehen. Stattdessen expandierte der Einzelhändler aus Bentonville, Arkansas beständig: nach Kanada, Mexiko, Großbritannien, Deutschland. Rund 4000 Läden gehören zu dem weltumspannenden Filialnetz. 1997 übernahm Wal-Mart zwei hiesige Einzelhandelsketten, Wertkauf und Interspar, und mit ihnen 95 Läden. Schon damals sagten Analysten, der Kauf sei wohl die einzige Chance gewesen, Zugang zum hart umkämpften deutschen Markt zu finden. Denn das, was Wal-Mart zu bieten hat, gab es in Deutschland längst: Discounter, die billig einkaufen, billig weiterverkaufen und nicht an der hohen Spanne verdienen, sondern an der Menge. Metro, Rewe, Aldi, Lidl hatten die Märkte längst abgesteckt, die Standorte verteilt.

Markige Glaubenssätze


Doch mit den Amerikanern kam mehr als nur ein weiterer Konkurrent. Wal-Mart, das ist eine neue Verkaufsphilosophie, ein anderer Stil im Umgang mit den Mitarbeitern. Unternehmensgründer Sam Walton entwickelte ein ausgefeiltes Regelwerk für seine Firma. Da gibt es die sundown rule , die jeden Mitarbeiter verpflichtet, Kundenanfragen noch am gleichen Tag zu erledigen. Da gelten feste Glaubenssätze: Respekt vor dem Einzelnen, Service für den Kunden, Streben nach hervorragender Leistung. Da soll jeder Mitarbeiter "Sams zehn Regeln fürs erfolgreiche Geschäft" verinnerlichen. Die heißen dann "Identifiziere dich mit deinen Aufgaben" oder "Schwimme gegen den Strom". Da werden Mitarbeiter regelmäßig belobigt, tägliche Motivationsübungen abgehalten und Barbecues mit der Familie für besonders erfolgreiche Verkäufer veranstaltet. Wal-Mart, das ist nicht nur ein Arbeitsplatz. Es ist eine Lebenseinstellung.

Eine sehr befremdliche, jedenfalls in westdeutschen Augen. "Ständig Barbecues mit Anhang: Wenn du brav bist, kriegst du Würstchen", sagte eine Angestellte. Dafür verweigert sich das Unternehmen so gut es geht jedem Gespräch mit den Gewerkschaften und will auch von Tarifverträgen nicht viel wissen - wobei die Bezahlung dennoch nicht schlechter ist als bei anderen Handelsketten. Im Osten hat Wal-Mart schon mehr Erfolg. Hier sind viele Angestellte, associates (Partner), wie das Unternehmen sie nennt, sehr angetan von Waltons Kult des Verkaufens. Dahinter treten die klassischen Elemente der westdeutschen Sozialpartnerschaft zurück. Gewerkschaftsbindung, Tarifverträge, Besitzstandsdenken scheinen weniger zu verfangen.

Regeln für die Ethik


Dennoch: Wal-Mart und Deutschland, dass will nicht richtig zueinander passen. Und nun also die Ethikrichtlinien. Angestellte dürfen keine Geschenke von Lieferanten annehmen. "Sie dürfen nicht mit jemandem ausgehen oder in eine Liebesbeziehung mit jemandem treten, wenn Sie die Arbeitsbedingungen dieser Person beeinflussen können oder der Mitarbeiter Ihre Arbeitsbedingungen beeinflussen kann." Wer erfährt, dass ein Kollege ein Gesetz verletzt, soll darüber "unverzüglich" berichten. Bei Nichtbeachtung droht die Kündigung.

Kein Zweifel, hinter den neuen Regeln stecken verschärfte Anforderungen an die Führungen amerikanischer Konzerne. Gerade erst ist der Boing-Chef Harry Stonecipher über einen solchen Ethikkodex gestürzt. Und selbst wenn man die Regeln für überzogen halten mag - sinnleer sind sie nicht. Mitarbeiterbestechung durch Lieferanten kommt auch in Deutschland vor.

Freier Markt gegen soziale Marktwirtschaft


Der Fehler der amerikanischen Konzernführung liegt in dem Missverständnis, im Zeitalter der Globalisierung gölten die eigenen Regeln überall. Und so prallt amerikanisches free enterprise hart auf die Regeln der sozialen Marktwirtschaft. Ein Ethikkodex wie der genannte ist hierzulande nun einmal mitbestimmungspflichtig. Der Betriebsrat muss ihn absegnen. Aber trotz acht Jahren Lehrzeit unterschätzt der Konzern offensichtlich noch immer, dass Arbeitsbeziehungen in Deutschland rational und vertraglich geregelt werden, unter Beteiligung der Sozialpartner. Wal-Marts Manager sind beileibe nicht die einzigen Amerikaner, die diese Erfahrung machen mussten. Gerade erst endete die Auseinandersetzung zwischen General Motors und den Opel-Mitarbeitern. Der Unterschied ist nur, dass GM hart zu verhandeln und mit den Betriebsräten umzugehen wusste. Wal-Mart will dagegen seine selbst geschaffene Kultur durchsetzen, die nach einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung von einer "vergemeinschaftenden Personalpolitik" geprägt wird. Weitere Systemkonflikte sind programmiert.

Scheitert der Einzelhändler also am deutschen System? Nicht zwingend, wenn nur die Kondition reicht. Angesichts der weltweiten Entwicklung des Konzerns sind deutsche Verluste in dreistelliger Millionenhöhe leicht zu verschmerzen. Währen der wilde Kampf der deutschen Händler gegeneinander weitergeht, kann Wal-Mart warten. Und lernen. Und einen neuen Stil prägen. Wer wünschte sich nicht auch für den eignen Supermarkt den Wal-Mart-Grundsatz: Freundlichkeit ist oberstes Gebot.