Der amerikanische Vizeverteidigungsminister Paul Wolfowitz soll neuer Weltbankpräsident werden. Präsident George W. Bush hat den 61-Jährigen gestern offiziell für das Amt nominiert. Wolfowitz soll die Nachfolge von Paul Wolfensohn antreten, der den Posten nach Ablauf seiner Amtszeit Ende Mai aufgeben will. Wolfowitz muss jetzt von allen 184 Mitgliedstaaten der Weltbank bestätigt werden. Fachleute sehen darin jedoch lediglich eine Formalität, da die Amerikaner traditionsgemäß den Präsidenten des weltweit größten Kreditgebers für Entwicklungsprojekte stellen.

Die weltweite Freude über die Nominierung hält sich in Grenzen; mit seiner Rolle als einer der wichtigsten Organisatoren des Irakkrieges hat sich Wolfowitz wenig Freunde gemacht. Jeffrey Sachs, der Leiter des Uno-Millennium-Projekts zur Bekämpfung von Hunger und Armut, übte deutliche Kritik. "Es wird Zeit, dass sich andere Kandidaten melden, die Erfahrung auf dem Gebiet der Entwicklung haben", sagte der Berater von Uno-Generalsekretär Kofi Annan. "Das ist eine Position, von der das Leben hunderter Millionen Menschen abhängt." Dazu sei eine professionelle Führung nötig.

Aus europäischen Metropolen war bislang sehr verhalten auf die Nominierung reagiert worden. So erklärte sowohl das Büro des französischen Präsidenten Jacques Chirac als auch die britische Behörde für Internationale Entwicklung, man habe die Kandidatur "zur Kenntnis genommen". Die schwedische Ministerin für Internationale Entwicklungszusammenarbeit, Carin Jaemtin, äußerte sich "sehr skeptisch" über die Entscheidung. Verschiedene internationale Entwicklungshilfeorganisationen schlossen sich der Kritik an. Dave Timms, Sprecher des Londoner World Development Network, sprach von einer "schrecklichen Berufung".

Auch die Demokraten in den Vereinigten Staaten haben ihre Probleme mit ihm, vor allem wegen seiner "rosigen Lagebeurteilungen". Der gescheiterte Präsidentschaftskandidat der Demokraten, John Kerry, kritisierte, Wolfowitz habe wiederholt die Kosten und Risiken des Irak-Kriegs falsch eingeschätzt. Deshalb sei er nicht der richtige Mann an der Spitze der Weltbank. Kerry sprach von einer weiteren "rätselhaften" Personalentscheidung Bushs nach der Nominierung des neuen amerikanischen Botschafters bei den Vereinten Nationen, John Bolton. Trotz der Aversionen gegen Wolfowitz gilt der stellvertretende Verteidigungsminister seit längerem als Bushs "Traumkandidat" für den Weltbankposten.

Wolfowitz kann kaum Kenntnisse der Entwicklungspolitik vorweisen. Als früherer Botschafter Indonesiens besitzt er jedoch Auslandserfahrungen. In seiner Eigenschaft als stellvertretender Leiter des Pentagons unterstehen ihm 700.000 Mitarbeiter. Wirtschafts- und Militärexperten sprechen ihm deshalb gute Management-Fähigkeiten zu. Nach Ansicht von Fachleuten könnte Wolfowitz versuchen, die Politik der Weltbank zu ändern. Die Einrichtung könnte zu ihrer früheren traditionellen Hauptrolle als Kreditinstitut zur Finanzierung großer Infrastrukturprojekte zurückkehren. Auf der anderen Seite könnte dann die Praxis der Darlehensvergabe zum Nullzinstarif eingeschränkt werden.

Adrian Pohr