Der Berliner "Jobgipfel" im Kanzleramt – was für eine seltsame Inszenierung: Als ließen sich in einem mehrstündigen Gespräch zwischen gegnerischen Spitzenpolitikern die Ängste eines 82-Millionen-Volks mit einem Zauberschlag bannen. Der Bundespräsident liest in freier Rede der Politik die Leviten, und die Schröders, Fischers, Merkels und Stoibers machen sich zwei Tage später an die Arbeit? Schön wär’s. In Wirklichkeit werden mit derlei "Gipfeln" vor allem überhöhte Erwartungen geweckt. Das Land wirkt gelähmt und braucht mehr als ein paar kleine Schritte im Steuerrecht oder im Föderalismus-Streit. Umfragen beweisen es – die Menschen setzen ihre Hoffnung auf eine Große Koalition.

Was ist geschehen? Binnen weniger Monate hat die Bundesregierung nach ihrer Hartz-Gesetzgebung die Deutungshoheit über den wirtschaftlichen Zustand des Landes verloren an die Opposition, ja, sogar an die eigenen Parteien – und vielleicht auch an die Mehrheit der Wähler von Nordrhein-Westfalen. Diese werden am 22. Mai ihr Votum abgeben, als wären sie Eislaufrichter von sturzgefährdeten Koalitionspaarläufern in Berlin, denen nichts mehr gelingt außer den bekannten Pirouetten. Dazu dürfte auch eine Unternehmensteuerreform zählen, die in den nächsten zwölf Monaten kaum einen der bald 5,4 Millionen Arbeitslosen von der Straße holen kann.

Machtloser als an jenem Tag, da Angela Merkel und Edmund Stoiber in tiefer Sorge um das Land und eigene Kanzlerchancen ihren Brief-"Pakt für Deutschland" verschickten, war Gerhard Schröder seit 1999 noch nie. Damals hatte er wirklich gehofft, dass ihm das Regieren "Spaß machen" würde. Daraus wurde nichts. Der Staatskarosse fehlten die Räder.

Die Gründe der Bundessteuerverarmung gehören zum Repertoiregesang der Ordnungspolitiker: hohe Lohnnebenkosten, überdurchschnittliche Steuerbelastung der kleineren Unternehmen – die Ausnahmen für die großen werden nicht so laut bejammert –, unflexible Flächentarifverträge und ein rigides Arbeitsrecht. Das alles produziert in der Tat Arbeitslosigkeit, damit auch höhere Sozialkosten und leere Staatskassen. Was nicht so oft erwähnt wird: mittelmäßige Manager mit Millionengehältern, die Flucht eines beträchtlichen Teils der dritten Unternehmergeneration in Erbschaft oder Wohlleben und der Rückzug der Großbanken aus dem Geschäft der kleinen Firmenkredite.

Es stimmt ja, die Roten und die Grünen waren auf die Übernahme der Regierungsmacht schlecht vorbereitet. Das Kabinett Schröders arbeitete einige teure Wahlversprechen ab, und die Grünen setzten ihr bizarrstes Projekt durch – den Ausstieg aus der Kernkraftgewinnung bei fortgesetztem Import von Atomstrom aus Frankreich und subventioniertem Energiekonsum aus Windrädern.

Das bald einberufene "Bündnis für Arbeit" im Kanzleramt scheiterte am Eigensinn von Wirtschafts- und Gewerkschaftsführern. Im internationalen Wettbewerb um Arbeitsplätze diktierten derweil fast vergessene Erfahrungen das Marktgeschehen. Wie man früher zu sagen pflegte: Der tüchtige alte Kapitalismus zeigt unter dem neuen Namen Globalisierung wieder "seine Fratze" im "Hungerlohn" für die exportierte Arbeitszeit in der Dritten Welt und in Osteuropa. Nur: Dort hungert niemand mit Durchschnittslöhnen, die bis zu 80 Prozent unter unseren liegen. Im Gegenteil. Die Folge: Massenarbeitslosigkeit im Hochlohnland. Inzwischen leben drei Millionen deutsche Arbeiterinnen und Arbeiter mit Billigjobs unterhalb der Armutsgrenze.

Jenes folgenlose Bündnis für Arbeit verkörperte wie der Jobgipfel eine alte Sehnsucht der Republik nach Konsens. Der Hauptdarsteller im Sehnsuchtsbild ist der Kanzler selbst. Doch die Rolle als erhabener Repräsentant des Staates, der mit Gelassenheit und Würde seine Richtlinien quer durchs Kabinett, über widerspenstige Fraktionen und die Opposition hinweg zum Zielpunkt einer vernünftig geordneten, wohlhabenden Nation zieht – diese monarchische Rolle ist unspielbar, für einen Gerhard Schröder ebenso wie für eine Angela Merkel. Das Grundgesetz hat sie aus gutem Grund ausgeklammert.

Die einzig vorstellbare Konsensmaschine in der parlamentarischen Demokratie ist eine Große Koalition auf Zeit. Die Mehrheit des "Publikums" (so heißen die Wähler inzwischen im Talkshow-Land) wünscht sich heute eine gemeinsame Regierung beider Volksparteien – nicht als Harmonie-Asyl, sondern als Reparaturwerkstatt vor der letzten Abfahrt in den Wirtschaftsabgrund. Gewiss, Merkel und Schröder winken ab, aber die innenpolitischen Machtverhältnisse (Stichwort Visa-Ausschuss) ändern sich inzwischen noch schneller als die flexiblen tagespolitischen Überzeugungen der beiden Protagonisten. Und von Macht verstehen sie etwas.