Da sitzt der Bundeskanzler in seiner selbst gegrabenen Grube und weiß nicht, wie er wieder herauskommen soll. Gerhard Schröder hockt dort nicht allein, der Weltstaatsmann Jacques Chirac hat kräftig mitgebuddelt. Die Europäer wollen das 1989 über China verhängte Waffenembargo aufheben, so rasch wie möglich, spätestens im Juni. Das haben sie der Führung in Peking versprochen. Die bedankte sich dafür mit dem neuen "Antisezessionsgesetz": Sollte Taiwan formell seine Unabhängigkeit erklären, wird die Volksrepublik mit "nicht-friedlichen Mitteln" intervenieren. So steht es seit Wochenbeginn im Gesetz.

Chinas Einheit schaffen mit europäischen Waffen? Das befürchten zumindest die Amerikaner. Fassungslos registrieren sie, wie die EU ihre nach dem Massaker am Platz des Himmlischen Friedens beschlossenen Positionen räumt. Was treibt die Europäer nur, fragen sich Administration und Kongress in Washington, Großmannssucht oder Krämergeist? Welche Gegenleistung verlangen sie eigentlich von den Chinesen? Die Aufwertung der EU zum "strategischen Partner" – oder doch nur den Kauf des neuen, von Franzosen, Deutschen, Engländern und Spaniern gebauten Superjets A380?

Eine transatlantische Krise zieht herauf, die tiefer gehen könnte als das Zerwürfnis über den Irak-Krieg. Die Vereinigten Staaten verstehen sich bis heute als Garant der strategischen Balance im Fernen Osten – einer Region, in der die Europäer militärisch und sicherheitspolitisch überhaupt nicht präsent sind. Der phänomenale wirtschaftliche Aufstieg Ostasiens hat nichts daran geändert, dass neben Taiwan auch Japan und Südkorea in Amerika immer noch den einzigen Verbündeten sehen gegen ein aufstrebendes China, das sich durch seine schiere Größe zum regionalen Hegemonen entwickelt.

Nun war Amerikas Chinapolitik in den vergangenen dreißig Jahren selten ein Musterbeispiel staatspolitischer Weitsicht; sie schwankte vielmehr zwischen Überschwang und Feindseligkeit. Am Ende setzte sich jedoch immer ein moderater Kurs durch, der den Realitäten Rechnung trug: China ist eine kommende Weltmacht, der man mit Respekt zu begegnen hat. Nur ist Amerika auch bereit und allein dazu in der Lage, China im Streitfall entgegenzutreten. Dafür, und das haben die Europäer leider bisher nicht begriffen, zollen wiederum die Chinesen der Supermacht Respekt. Und niemandem sonst auf der Welt.

Es war George W. Bush, der beim Besuch des chinesischen Premiers Wen Jiabao den Präsidenten Taiwans mit scharfen Worten warnte, die Volksrepublik nicht durch ein Spiel mit der Unabhängigkeit zu provozieren. Das Wort des amerikanischen Präsidenten wog deshalb so schwer, weil sein Land das Versprechen gegeben hat, Taiwan notfalls mit Waffengewalt zu verteidigen. Aber natürlich will sich Amerika nicht mutwillig in eine Konfrontation mit der Atommacht China hineinziehen lassen. Also redet die US-Regierung Klartext, in Peking wie in Taipei.

Dagegen ist Europas Politik arglos bis zur Verantwortungslosigkeit. Wer das Embargo jetzt aufhebt, der verstößt gleich viermal gegen die eigenen Interessen. Der verspielt die eigene Glaubwürdigkeit, denn China steckt seine Dissidenten heute noch genauso ins Arbeitslager wie 1989. Der biedert sich ohne Not an, denn der europäisch-chinesische Handel blüht auch ohne Rüstungsgeschäfte wie nie zuvor. Der verschärft die Spannungen in Fernost, denn nicht nur zwischen Taiwan und dem Festland wächst das Misstrauen, sondern auch zwischen China und Japan. Der verschenkt schließlich die beste Chance zur europäisch-amerikanischen Aussöhnung, denn anders als im Irak macht Bush in China bisher alles richtig.

Haben die Europäer, wie der demokratische US-Kongressabgeordnete Tom Lantos meint, den "moralischen Kompass" verloren? Oder nur die außenpolitische Orientierung? Ein Konflikt mit Amerika über China jedenfalls wäre eine grandiose diplomatische Fehlleistung. Schröder und Chirac, so ist zu fürchten, ahnen noch nicht einmal, wie tief sie im Schlamassel stecken.