Wie eine Bombe sollte das Buch von Rainer Karlsch einschlagen. Doch das Echo in den Medien kommt eher einem Desaster gleich. Fast unisono wird bemängelt, dass der Autor die entscheidenden Beweise für die drei Kernwaffentests auf Rügen und in Thüringen 1944/45 schuldig geblieben sei. "Hitlers Bombe explodiert nicht – sie platzt, sobald man etwas genauer hinschaut", höhnt Die Welt.

Die DVA gilt als seriöser Verlag mit einem gediegenen historischen Programm. Ian Kershaws große zweibändige Hitler-Biografie ist hier erschienen, auch Sebastian Haffners fulminante Geschichte eines Deutschen. Man hat also einen Ruf zu verlieren. Auf der Berliner Pressekonferenz am Montag zeigte sich Verlagsleiter Jürgen Horbach durch die Massivität der Kritik wenig beeindruckt. Das seien Reflexe, wie sie bei einem mit so vielen Mythen und Verschwörungstheorien belasteten Thema unvermeidlich seien. Dass die heftigen Reaktionen auch etwas mit der aufs Spektakel zielenden Strategie des Verlages zu tun haben könnten, wollte Horbach nicht wahrhaben.

Gar nicht zerknirscht präsentierte sich auch Rainer Karlsch. Selbstbewusst verteidigte er seine Thesen, vermied es allerdings, auf Einzelheiten der Beweisführung, vor allem auf den eigenwilligen Umgang mit "Zeitzeugen"-Aussagen, näher einzugehen. Von "sensationellen Ergebnissen neuester historischer Forschung" war freilich nicht mehr die Rede, dafür aber von vielen offenen Fragen, die von den Wissenschaftlern noch diskutiert werden müssten.

"Es gab keine deutsche Atombombe", stellte Mark Walker gleich zu Beginn klar. Er hatte dem Buch durch ein preisendes Voraburteil das Gütesiegel der Seriosität verliehen. Nun erläuterte der amerikanische Wissenschaftshistoriker, wo für ihn das eigentlich Interessante der Karlschen Expertisen liegt: im Nachweis, dass eine bisher wenig beachtete Gruppe von Physikern um Walter Gerlach und Kurt Diebner bis in die letzte Phase des Krieges hinein alles unternahm, um doch noch jene "Wunderwaffe" zu entwickeln, über die in der Flüsterpropaganda damals so viel gemunkelt wurde. Der Versuch sei in diesem Fall wichtiger gewesen als das Ergebnis. Walker räumte ein, dass er im Lichte der neuen Dokumente sein bisheriges kritisches Urteil über Werner Heisenberg und Carl Friedrich von Weizsäcker revidieren müsse. Beide hätten bei den Arbeiten an einer deutschen Atombombe eher eine bremsende Rolle gespielt.

Zur unfreiwilligen Parodie geriet der Auftritt des über achtzigjährigen Physikers Friedwardt Winterberg. Vor vielen laufenden Kameras versuchte er anhand einiger an eine Tafel geworfener Skizzen den von Karlsch beschriebenen Konstruktionstyp plausibel zu machen. Kaum jemand im Publikum dürfte seine Ausführungen verstanden haben. Vor allem ließ er die Frage unbeantwortet, wie eine nach dem Muster gebaute thermonukleare Minibombe überhaupt hätte funktionieren können.

So ist weiterhin unklar, was eigentlich am Abend des 3. März 1945 auf dem Truppenübungsplatz im thüringischen Ohrdruf explodiert ist und ob eine Kernreaktion stattgefunden hat. Eines der angeblich größten Geheimnisse des "Dritten Reiches" wird wohl weiter ungelüftet bleiben – es sei denn, die aufwändigen Analysen der Bodenproben brächten doch noch einen eindeutigen Befund. Volker Ullrich