Geschichte
Kettenreaktion der Geschichte
Was explodierte im März 1945 im thüringischen Ohrdruf? Eine deutsche Kernwaffe, behauptet der Historiker Rainer Karlsch in seinem Buch »Hitlers Bombe«. Indizien stützen seine These. Reichen sie für einen Beweis?
Eine große Schwierigkeit, die Intention des iranischen Atomprogramms zu begreifen, rührt daher, dass es von rivalisierenden Gruppen betrieben wird. Man darf sich Nukleartechnologie eben nicht immer wie das zentralistische Manhattan-Projekt vorstellen, mit dem es Amerika gelungen war, die Atombombe zu entwickeln.
Das umstrittene Buch Hitlers Bombe von Rainer Karlsch zeigt dies anschaulich am Beispiel der Kernforschung unter den Nazis. Zwar war seit langer Zeit bekannt, dass es mehrere Physikergruppen gab, die an der Kernenergie arbeiteten, aber Karlsch zitiert neue Dokumente (unter anderem ein Patent Carl-Friedrich von Weizsäckers für eine Plutoniumbombe) und demonstriert, dass zumindest die Gruppe um den Experimentalphysiker Kurt Diebner ihre Arbeit ganz auf die Konstruktion einer »Wunderwaffe« konzentrierte. Deswegen schätzen Historiker wie der amerikanische Experte Mark Walker das in dieser Woche erschienene Buch.
Aber was ist mit Karlschs These, Diebner habe 1945 mit Erfolg eine Atombombe getestet? Da muss Walker passen: Er sei kein Physiker, und er habe dem Autor auch dringend davon abgeraten, das Wort »Atombombe« zu verwenden.
Die Bombe, von der Karlsch schreibt, hat eine merkwürdige Eigenschaft: Je näher man hinsieht, desto unwirklicher wird sie. Das liegt daran, dass der Autor einen semantischen Trick anwendet. Denn was ist überhaupt eine Atombombe? Im Wesentlichen eine Sprengladung, deren Wirkung auf einer nuklearen Kettenreaktion beruht. Aber verblüffenderweise schreibt Karlsch, zu einer Kettenreaktion sei es nie gekommen, denn den Nazis stand nicht genügend Spaltmaterial zur Verfügung. Dann aber schiebt er eine abenteuerliche Behauptung nach: Den Physikern unter Diebner sei es gelungen, mit konventionellem Sprengstoff und etwas Spaltmaterial eine Kernfusion zu zünden – ebenfalls ohne Kettenreaktion. Das aber sei eine Bombe von der Sorte gewesen, die Militärs »taktische Kernwaffen« nennen, oder auch »Gefechtsfeldwaffen«.
Einige Physiker träumten davon, mit Chemie eine Kernfusion zu zünden
Taktische Kernwaffen oder nukleare Gefechtsfeldwaffen sind jedoch nach allgemeinem Verständnis, nach Völkerrecht, Militärjargon und Ingenieurwissenschaft in aller Welt solche, deren Wirkung aus einer Kettenreaktion folgt. Was immer es war, das Diebner und Kameraden erprobten, es war gewiss keine Kernwaffe.
Karlschs Entgegnung auf solche Einwände: Es sei zu einer »Anfangsreaktion« gekommen. Also nicht zu einer nuklearen Explosion, wohl aber zu Spaltungs- und Fusionsprozessen. Indes, um eine Kernfusion zu zünden, wäre ja gerade eine Kettenreaktion des Spaltmaterials notwendig gewesen. Mit diesem Hinweis könnte es sein Bewenden haben, würde der Autor nicht ein weiteres Kaninchen aus dem Hut zaubern: die konventionelle Zündung von Fusionsprozessen. Dass deutsche Physiker es damals für möglich hielten, Atomkerne mit herkömmlichem, geschickt angeordnetem Sprengstoff zum Verschmelzen zu zwingen, ist bekannt; einer der Beteiligten, Friedwardt Winterberg, früher Adlatus von Diebner und heute Kronzeuge Karlschs, glaubt sogar immer noch daran. Auszuschließen ist es übrigens nicht, dass in ferner Zukunft eine Konfiguration neuartiger chemischer Explosivmittel erfunden wird, deren Gewalt die Abstoßungskräfte überwinden kann, die zwischen Atomkernen vorherrschen: Science-Fiction ist erlaubt.
Hätte Karlsch es bei dem Beleg belassen, dass Physiker damals so etwas bauen wollten und auch mit Anordnungen herumexperimentiert haben, dann wäre ihm Lob gewiss. Sic tacuisses! Stattdessen aber behauptet er, eine solche Waffe sei mit Erfolg getestet worden.
An dieser Stelle kommt der Begriff »schmutzige Bombe« ins Spiel. Hatten Hitlers Physiker wenigstens eine »schmutzige Bombe«? Auch diesmal sollte man sich vergewissern, wovon die Rede ist. Unter »dirty bombs« werden drei verschiedene Konstruktionen verstanden. Die erste ist eine Atombombe mit Beimischungen, die bewirken sollen, dass langlebige Strahler entstehen. Mangels einer Atombombe entfällt diese Variante. Die zweite ist eine normale Bombe, die radioaktive Substanzen verstreut. An solche Verseuchungswaffen hatten die Nazis gedacht; die von der Gruppe um Diebner eingesetzten Mengen radioaktiven Materials sprechen aber dagegen, dass sie daran arbeitete.
Mark Walker hält auch eine dritte Anordnung für möglich: eine mit etwas Spaltmaterial angereicherte konventionelle Bombe von solcher Gestalt und Gewalt, dass sie ein paar Spaltungen anregt, wodurch unangenehme Radionuklide entstehen. Sinn ergibt das allerdings ebenso wenig. Wenn es den Nazis auf Verseuchung angekommen wäre, warum das böse Zeug auf dermaßen umständliche Weise herstellen – und nicht im Labor, um es dann in konventionelle Fliegerbomben einzubringen?
Die Bastelei musste unbedingt als kriegswichtig eingestuft werden
Wie man es dreht und wendet: Die Physiker probierten zwar allerlei aus, doch von »Waffe« kann keine Rede sein. Was mag sie getrieben haben? Kurt Diebner hatte immer unter der Geringschätzung seitens der theoretischen Physiker wie Werner Heisenberg gelitten und wollte es einfach allen zeigen. Anderen aus seiner Gruppe war, wie Zeitzeugen berichten, hauptsächlich daran gelegen, nicht an die Front abkommandiert zu werden – also musste ihre Bastelei unbedingt als kriegswichtig erscheinen.
Dieter Hoffmann, Physiker und Wissenschaftshistoriker am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin, hat mit Rainer Karlsch mehrmals über sein Projekt gesprochen und ihn darauf hingewiesen, dass es auch um solche und andere Interessen ging. Doch trotz dieser Warnungen, sagt Hoffmann, »lässt Karlsch es an Quellenkritik und Kontextualisierung vermissen. Viele Mosaiksteine hat er gefunden, aber ein falsches Bild zusammengesetzt.«
Solche Warnungen vor Fehl- und Überinterpretationen gab es etliche, auch von einigen derer, auf die der Autor sich heute beruft. Warum ließ er sich nicht beirren? Karlsch, ein – wie man so sagt – »abgewickelter«, aber bislang als seriös geschätzter Forscher, konnte seine Arbeit nicht im Rahmen gutachterlich abgesicherter Wissenschaftsverhältnisse verfolgen und schloss daher einen Pakt mit dem Teufel: mit Fernsehproduzenten und einem skrupellos agierenden Buchverlag. Nur so lässt sich erklären, dass der Autor irgendwann dazu überging, die Leistung seiner Archivarbeit durch unseriöses Vorgehen zu entwerten, etwa durch Anleihen aus der Verschwörungsliteratur.
Der krasseste Fall sind die Bodenproben, auf die er sich beruft. Die ersten wurden entnommen und analysiert von Leuten, die sich schon in früheren Fällen mit Verschwörungstheorien lächerlich gemacht haben. Der im Buch als Zeuge angeführte Forscher der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt hat deren Material ebenfalls analysiert und tatsächlich erhöhte Aktivität gefunden – woraufhin er aber erst einmal selbst loszog, um eigenhändig Proben zu ziehen. Sein Ergebnis steht indessen noch aus. Kein Wort davon in Hitlers Bombe.
Sei’s drum: »Das Deutsche Reich stand kurz davor, den Wettlauf um die erste einsatzfähige Atomwaffe zu gewinnen«, dröhnt die Deutsche Verlags-Anstalt. Auch ein Beitrag zum 60. Jahrestag des Kriegsendes. Gero von Randow
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- Quelle (c) DIE ZEIT 17.03.2005 Nr.12
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