Contra

Eine große Schwierigkeit, die Intention des iranischen Atomprogramms zu begreifen, rührt daher, dass es von rivalisierenden Gruppen betrieben wird. Man darf sich Nukleartechnologie eben nicht immer wie das zentralistische Manhattan-Projekt vorstellen, mit dem es Amerika gelungen war, die Atombombe zu entwickeln.

Das umstrittene Buch Hitlers Bombe von Rainer Karlsch zeigt dies anschaulich am Beispiel der Kernforschung unter den Nazis. Zwar war seit langer Zeit bekannt, dass es mehrere Physikergruppen gab, die an der Kernenergie arbeiteten, aber Karlsch zitiert neue Dokumente (unter anderem ein Patent Carl-Friedrich von Weizsäckers für eine Plutoniumbombe) und demonstriert, dass zumindest die Gruppe um den Experimentalphysiker Kurt Diebner ihre Arbeit ganz auf die Konstruktion einer "Wunderwaffe" konzentrierte. Deswegen schätzen Historiker wie der amerikanische Experte Mark Walker das in dieser Woche erschienene Buch.

Aber was ist mit Karlschs These, Diebner habe 1945 mit Erfolg eine Atombombe getestet? Da muss Walker passen: Er sei kein Physiker, und er habe dem Autor auch dringend davon abgeraten, das Wort "Atombombe" zu verwenden.

Die Bombe, von der Karlsch schreibt, hat eine merkwürdige Eigenschaft: Je näher man hinsieht, desto unwirklicher wird sie. Das liegt daran, dass der Autor einen semantischen Trick anwendet. Denn was ist überhaupt eine Atombombe? Im Wesentlichen eine Sprengladung, deren Wirkung auf einer nuklearen Kettenreaktion beruht. Aber verblüffenderweise schreibt Karlsch, zu einer Kettenreaktion sei es nie gekommen, denn den Nazis stand nicht genügend Spaltmaterial zur Verfügung. Dann aber schiebt er eine abenteuerliche Behauptung nach: Den Physikern unter Diebner sei es gelungen, mit konventionellem Sprengstoff und etwas Spaltmaterial eine Kernfusion zu zünden – ebenfalls ohne Kettenreaktion. Das aber sei eine Bombe von der Sorte gewesen, die Militärs "taktische Kernwaffen" nennen, oder auch "Gefechtsfeldwaffen".

Einige Physiker träumten davon, mit Chemie eine Kernfusion zu zünden

Taktische Kernwaffen oder nukleare Gefechtsfeldwaffen sind jedoch nach allgemeinem Verständnis, nach Völkerrecht, Militärjargon und Ingenieurwissenschaft in aller Welt solche, deren Wirkung aus einer Kettenreaktion folgt. Was immer es war, das Diebner und Kameraden erprobten, es war gewiss keine Kernwaffe.