Geschichte

Kettenreaktion der Geschichte

Was explodierte im März 1945 im thüringischen Ohrdruf? Eine deutsche Kernwaffe, behauptet der Historiker Rainer Karlsch in seinem Buch »Hitlers Bombe«. Indizien stützen seine These. Reichen sie für einen Beweis?

Seit einigen Jahren findet in der Wissenschafts- und Technikgeschichte ein Umdenken statt. Entgegen der gängigen Lesart gelang es dem NS-Regime, die Forschung für den Krieg zu mobilisieren. Tatsächlich stießen die Alliierten in Deutschland auf ein Arsenal teils futuristisch anmutender Waffensysteme: ferngelenkte Flugkörper, intelligente Zünder, strahlgetriebene Flugzeuge, ballistische Fernraketen (»V-2«). Was sie nicht fanden, war die Atombombe. Den deutschen Physikern, mit Nobelpreisträger Heisenberg an der Spitze, war nicht einmal gelungen, einen Kernreaktor in Betrieb zu setzen.

Nun kommt der Historiker Rainer Karlsch in seinem Buch Hitlers Bombe zu dramatischen neuen Ergebnissen: Um die Jahreswende 1944/45 wurde ein Reaktor des Heereswaffenamtes »kritisch«, die Kettenreaktion war erfolgreich in Gang gekommen. Sogar Kernwaffentests hätten im Oktober 1944 auf Rügen und im März 1945 in Thüringen stattgefunden. Diese Befunde stehen in eklatantem Widerspruch zur historischen Forschung. Bei den Tests sei nicht nur eine Kernspaltung gelungen, sondern auch eine Kernfusion im Spiel gewesen. Eine solche Fusion gelang den USA erst 1952 mit der Zündung einer Wasserstoffbombe im Pazifik. Gerät hier der promovierte Wirtschaftshistoriker Karlsch in gefährliche Nähe zu Amateurhistorikern und ewig Gestrigen? Ist das, was er hier verkauft, »blanker Unsinn«, wie Kommentatoren zu wissen glauben?

»Großer Blitz … viele sofort tot, von der Erde weg, einfach nicht mehr da«

Nach der Lektüre des Buches wird es schwierig, sich der Argumentation gänzlich zu verschließen. Karlsch stützt sich auf bislang unbekannte Moskauer Quellen, Zeugenaussagen sowie die Expertisen von Physikern. Schlüsselquellen sind der Dienstkalender des »Beauftragten des Reichsmarschalls für die kernphysikalische Forschung«, Walther Gerlach, und ein umfangreiches Manuskript des Chefs der Forschungsabteilung des Heereswaffenamtes, Erich Schumann. Es sollte 1949 erscheinen, wurde jedoch wegen seiner Brisanz zurückgezogen. Es gelingt Karlsch, eine Vielzahl auch bekannter Quellensplitter in einen konsistenten Entwurf zu integrieren. Sein Ergebnis: »Hitlers Bombe«, die kurz vor Kriegsende mehrfach erfolgreich getestet wurde, hatte das Zerstörungspotenzial einer taktischen Kernwaffe.

Konzentrieren wir uns auf die Ereignisse in Thüringen. Die sowjetische Militäraufklärung berichtete im November 1944 über dortige Vorbereitungen für eine »Geheimwaffe von großer Zerstörungskraft«. Die Deutschen versuchten, »Tests mit einer Atombombe durchzuführen«. Über den ersten Test auf dem Truppenübungsplatz Ohrdruf südlich von Gotha am 3.März 1945 liegt ein Augenzeugenbericht vor. Ein Blitz habe die Landschaft hell erleuchtet, eine schlanke Säule sich zu einem großen, wohlbelaubten Baum vergrößert, ein heftiger Windzug sei gefolgt. Ein weiterer Zeuge berichtete über das Schicksal von Häftlingen, die aus dem nahe gelegenen KZ Ohrdruf auf das Testgelände gebracht worden waren: Sie hätten Verbrennungen aufgewiesen, wie sie später aus Hiroshima bekannt wurden. Ein Halbtoter habe gesagt: »Großer Blitz – Feuer, viele sofort tot, von der Erde weg, einfach nicht mehr da, viele mit großen Brandwunden, viele blind.« Bis zu 700 Tote, darunter SS-Männer, seien an Ort und Stelle verbrannt worden. Bewohner der Umgebung hätten in den folgenden Tagen über Kopfschmerzen geklagt und Blut gespuckt. Ein zweiter Test soll am 12. März 1945 stattgefunden haben.

Augenzeugenberichte gelten als schwierige Quellen, wenn das Ereignis weit zurückliegt. Die hier zitierten stammen von 1962. Karlsch ist es jedoch gelungen, ein zeitnahes Schreiben der sowjetischen Militäraufklärung aufzutun. Generalleutnant Iljitshov informierte Stalin mit Datum vom 23. März 1945 über »zwei große Explosionen« in Thüringen: »Vom Zentrum der Explosion wurden Bäume bis zu einer Entfernung von … 600 Metern gefällt.« Von Kriegsgefangenen, die sich im Explosionszentrum befunden hätten, sei keine Spur geblieben. Und: »Die Bombe enthält vermutlich U235 und hat ein Gewicht von zwei Tonnen.«

So weit die historischen Quellen. Außer im Hinblick auf Zeit und Ort sind sie überaus widersprüchlich: Eine Atombombe von zwei Tonnen hätte eine wesentlich größere Zerstörung zur Folge haben müssen. Umgekehrt hätten zwei Tonnen konventionellen Sprengstoffs keine Auswirkungen von den Ausmaßen bewirken können, wie sie durch den Geheimdienst und die Augenzeugen verbrieft sind. Wenn tatsächlich ein nukleares Ereignis stattgefunden hat, müssen sich heute noch vor Ort Spaltprodukte ausfindig machen lassen. Karlsch ließ Bodenproben analysieren. Uwe Keyser (Physikalisch-Technische Bundesanstalt) bestätigte das Vorhandensein teilweise drastischer Isotopenanomalien, die zu keinem bekannten nuklearen Ereignis passen und für die Tschernobyl als Ursache ausgeschlossen werden kann. Insgesamt fünf Physikprofessoren meinen, dass »in Ohrdruf Spuren eines nuklearen Ereignisses vorhanden« seien.

Was hier genau gezündet wurde, konnten bislang auch die Physiker nicht klären. Handelte es sich um eine »schmutzige Bombe«, bei der radioaktives Material mit konventionellem Sprengstoff über eine große Fläche verteilt und diese verstrahlt wird? Gegen diese Annahme spricht die Erklärung von Reinhardt Brandt (Universität Marburg), »dass während der Explosion auch deutlich Kernreaktionen mit Energiefreisetzung abgelaufen sind«. Auch eine »normale« Uranbombe ist unwahrscheinlich. Deutschland verfügte nicht über die erforderliche Menge angereicherten Urans. Karlsch wagt an dieser Stelle eine überaus schwierige Plausibilitätsüberlegung. Seine These gründet sich auf die Spitzenstellung der deutschen Hohlladungsforschung und den Wissensstand über thermonukleare Reaktionen. So wurde unter dem Leiter des Referats für Atomphysik der Forschungsabteilung des Heereswaffenamts, Kurt Diebner, an Fragen der Kernfusion gearbeitet. Im Oktober 1943 begannen Versuche, »Atomenergie durch Reaktionen zwischen leichten Elementen« freizusetzen. Dabei sollte schwerer Wasserstoff durch konventionellen Sprengstoff zur Fusion gebracht werden. Die Versuche scheiterten aus physikalischen Gründen.

Fügt man nun die in Deutschland für 1945 verfügbare Technik zusammen, ergibt sich nach Karlsch folgendes Bild: Im Zentrum eines Zylinders wurden eine starke Neutronenquelle – Polonium-Beryllium – und kleinste Mengen Lithiumdeuterid positioniert. Da das Prinzip der Neutronenrückstrahlung durch U238 bekannt war, könnte die Bombe damit ausgekleidet gewesen sein. Nach der Zündung des konventionellen Sprengstoffs konnte es zwar zu keiner sich selbst erhaltenden Kettenreaktion kommen. Aber auch bei »unterkritischen Anordnungen« kommt es zu Kernspaltungen, die sich – wie Karlsch vermutet – in Ohrdruf ereignet haben. Die Reaktion (Spaltung – Fusion – Spaltung) brach nach kurzer Zeit zusammen, woraus sich die vergleichsweise begrenzte Zerstörung erklärt.

Dank Rainer Karlsch wissen wir heute, welche Wissenschaftler bis 1945 intensiv an der Atombombe arbeiteten. Seine Überlegungen über die Art der nuklearen Ereignisse sind teilweise spekulativ und weisen Lücken auf, die es nun mit Hilfe weiterer Forschungen zu schließen gilt. Eine systematische Bestandsaufnahme der Überreste der nuklearen Ereignisse in den Testgebieten scheint zwingend geboten. Angesichts der Vielzahl offener Fragen und der Brisanz des Themas sollte ein interdisziplinäres Forschungsprogramm initiiert werden, in dem Physiker und Wissenschaftshistoriker gemeinsam die Frage klären, was genau im März 1945 in Thüringen explodierte. Helmut Maier

Der Autor arbeitet im Forschungsprogramm »Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus« der Max-Planck-Gesellschaft. Als Wissenschaftshistoriker hat er sich dabei auf die Rüstungsforschung spezialisiert. Rainer Karlsch hat sich während seiner Buchrecherche mit ihm beraten

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  • Von Helmut Maier
  • Datum
  • Quelle (c) DIE ZEIT 17.03.2005 Nr.12
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