Pro

Seit einigen Jahren findet in der Wissenschafts- und Technikgeschichte ein Umdenken statt. Entgegen der gängigen Lesart gelang es dem NS-Regime, die Forschung für den Krieg zu mobilisieren. Tatsächlich stießen die Alliierten in Deutschland auf ein Arsenal teils futuristisch anmutender Waffensysteme: ferngelenkte Flugkörper, intelligente Zünder, strahlgetriebene Flugzeuge, ballistische Fernraketen ("V-2"). Was sie nicht fanden, war die Atombombe. Den deutschen Physikern, mit Nobelpreisträger Heisenberg an der Spitze, war nicht einmal gelungen, einen Kernreaktor in Betrieb zu setzen.

Nun kommt der Historiker Rainer Karlsch in seinem Buch Hitlers Bombe zu dramatischen neuen Ergebnissen: Um die Jahreswende 1944/45 wurde ein Reaktor des Heereswaffenamtes "kritisch", die Kettenreaktion war erfolgreich in Gang gekommen. Sogar Kernwaffentests hätten im Oktober 1944 auf Rügen und im März 1945 in Thüringen stattgefunden. Diese Befunde stehen in eklatantem Widerspruch zur historischen Forschung. Bei den Tests sei nicht nur eine Kernspaltung gelungen, sondern auch eine Kernfusion im Spiel gewesen. Eine solche Fusion gelang den USA erst 1952 mit der Zündung einer Wasserstoffbombe im Pazifik. Gerät hier der promovierte Wirtschaftshistoriker Karlsch in gefährliche Nähe zu Amateurhistorikern und ewig Gestrigen? Ist das, was er hier verkauft, "blanker Unsinn", wie Kommentatoren zu wissen glauben?

"Großer Blitz … viele sofort tot, von der Erde weg, einfach nicht mehr da"

Nach der Lektüre des Buches wird es schwierig, sich der Argumentation gänzlich zu verschließen. Karlsch stützt sich auf bislang unbekannte Moskauer Quellen, Zeugenaussagen sowie die Expertisen von Physikern. Schlüsselquellen sind der Dienstkalender des "Beauftragten des Reichsmarschalls für die kernphysikalische Forschung", Walther Gerlach, und ein umfangreiches Manuskript des Chefs der Forschungsabteilung des Heereswaffenamtes, Erich Schumann. Es sollte 1949 erscheinen, wurde jedoch wegen seiner Brisanz zurückgezogen. Es gelingt Karlsch, eine Vielzahl auch bekannter Quellensplitter in einen konsistenten Entwurf zu integrieren. Sein Ergebnis: "Hitlers Bombe", die kurz vor Kriegsende mehrfach erfolgreich getestet wurde, hatte das Zerstörungspotenzial einer taktischen Kernwaffe.

Konzentrieren wir uns auf die Ereignisse in Thüringen. Die sowjetische Militäraufklärung berichtete im November 1944 über dortige Vorbereitungen für eine "Geheimwaffe von großer Zerstörungskraft". Die Deutschen versuchten, "Tests mit einer Atombombe durchzuführen". Über den ersten Test auf dem Truppenübungsplatz Ohrdruf südlich von Gotha am 3.März 1945 liegt ein Augenzeugenbericht vor. Ein Blitz habe die Landschaft hell erleuchtet, eine schlanke Säule sich zu einem großen, wohlbelaubten Baum vergrößert, ein heftiger Windzug sei gefolgt. Ein weiterer Zeuge berichtete über das Schicksal von Häftlingen, die aus dem nahe gelegenen KZ Ohrdruf auf das Testgelände gebracht worden waren: Sie hätten Verbrennungen aufgewiesen, wie sie später aus Hiroshima bekannt wurden. Ein Halbtoter habe gesagt: "Großer Blitz – Feuer, viele sofort tot, von der Erde weg, einfach nicht mehr da, viele mit großen Brandwunden, viele blind." Bis zu 700 Tote, darunter SS-Männer, seien an Ort und Stelle verbrannt worden. Bewohner der Umgebung hätten in den folgenden Tagen über Kopfschmerzen geklagt und Blut gespuckt. Ein zweiter Test soll am 12. März 1945 stattgefunden haben.

Augenzeugenberichte gelten als schwierige Quellen, wenn das Ereignis weit zurückliegt. Die hier zitierten stammen von 1962. Karlsch ist es jedoch gelungen, ein zeitnahes Schreiben der sowjetischen Militäraufklärung aufzutun. Generalleutnant Iljitshov informierte Stalin mit Datum vom 23. März 1945 über "zwei große Explosionen" in Thüringen: "Vom Zentrum der Explosion wurden Bäume bis zu einer Entfernung von … 600 Metern gefällt." Von Kriegsgefangenen, die sich im Explosionszentrum befunden hätten, sei keine Spur geblieben. Und: "Die Bombe enthält vermutlich U235 und hat ein Gewicht von zwei Tonnen."