Feindbild Osten Höllische Schwärme, unreine Flut
Wenn »die Schleusen sich öffnen«: Die Visa-Affäre mobilisiert uralte antiöstliche Stereotype und Feindbilder
Der Lärm ist groß, die Anschuldigungen sind heftig. Durch eine gelockerte Visavergabe, insbesondere an der deutschen Botschaft in Kiew, sei der Republik schwerster Schaden entstanden. »Ostkriminelle« Spiegel) und Schwarzarbeiter seien ins Land geströmt, Zwangsprostituierte in Scharen nach Deutschland verschleppt worden. Zwar zeigt die Kriminalstatistik offensichtlich keine signifikanten Ausschläge, zwar dürfte der ukrainische Anteil an illegalen Arbeitsverhältnissen angesichts heimischer Schwarzarbeiter oder auch polnischer und baltischer, die kein Visum brauchen, eher minimal sein – dennoch wird selbst in liberalen Medien aufkommende Panik suggeriert. Wieder einmal, so durchzieht es unterschwellig die Kommentarspalten, dräut der Osten, drohen die Dämme zu brechen. Wieder einmal ergießen sich Menschenfluten nach Westen über unser armes Deutschland hin.
Es ist ein altes Lied. Seit Beginn der Neuzeit gibt es hierzulande diese selbst erzeugten Ängste. Natürlich nicht speziell vor den Ukrainern, denn sie wurden in der Regel nicht als eigenständiges Volk wahrgenommen, war doch die Ukraine zu jener Zeit teils polnisch, teils russisch. Aber das Bild der »Ostmenschen« insgesamt war desaströs. Vor allem »der Russe« galt als minderwertig, tierisch, sein Leben und Tun als bestialisch.
Schon als man sich in Mittel- und Westeuropa der Existenz der »Moskowiter«, wie sie zunächst hießen, bewusst wurde, sprach und schrieb man schlecht von ihnen. Man identifizierte sie mit den Mongolen oder mit den Tataren, welche die Region im 13. und 14. Jahrhundert beherrscht hatten. Die Mongolen ihrerseits standen imagologisch in der Nachfolge der Hunnen und Skythen – und da hatte es bereits in der Antike, bei den Griechen und Römern, starke Zweifel gegeben, ob die Skythen überhaupt Menschen seien.
Im Laufe der Zeit verwischten und vermischten sich die Feindbilder. Zu Mongolen und Russen traten »Kalmücken« und »Kosaken«, hinzu kamen die »Ostjuden«, am Ende stand das Bild vom slawischen Untermenschen und jüdischen Bolschewisten.
Schon 1746 weiß das Lexikon, dass die Ukrainer nur vom Raub leben
Die Ukrainer kommen in diesem düsteren Ensemble seltener vor. Wenn sie in der Frühen Neuzeit vom westlichen Europa überhaupt als eigene Nation wahrgenommen wurden, dann oft als ein Konzentrat all dessen, was an fremden Völkern bedrohlich erscheint. So zum Beispiel in Johann Heinrich Zedlers berühmtem Universal-Lexicon, der großen Enzyklopädie der deutschen Aufklärung, die in 64 Bänden von 1732 bis 1754 in Leipzig erschien.
Wie ihr französisches Pendant spiegelt auch sie viele Vorurteile des aufgeklärten Europa. Der Artikel zum Stichwort »Ukraine« stammt aus dem Jahr 1746. Sie werde, lesen wir da, »meist von Kosaken bewohnt, welches Wort in der slavonischen Sprache soviel heißt, wie Räuber. Anfänglich waren sie Bauern, welche aus Reussen und anderen benachbarten Ländern kamen« und sich auf Flussinseln niederließen, »hernach sich aber über die ganze Ukraine ausbreiteten und vom Raube lebten«. Sie seien immer wieder in die Tatarei und in die Türkei eingefallen, ja sie kämen des Öfteren plündernd »bis vor Konstantinopel. Desgleichen treiben sie auch Seeräuberei auf dem schwarzen Meere; sie haben den Polen immerfort gute Dienste getan, wenn selbige in einen Krieg wider die Türken verwickelt gewesen sind.« 1576 seien sie unter die Krone Polens gekommen und hätten »eine vortreffliche Vormauer der Christenheit gegen die Türken« gebildet. Diese letzte Bemerkung scheint angesichts der vorhergehenden Charakteristik allerdings etwas irritierend und geeignet, ein bedenkliches Licht auf die Verteidiger der Christenheit zu werfen.
Doch bald hätten sich die Ukrainer mit den Polen zerstritten. »Die Kosaken begaben sich in den Schutz der Türken und Moskowiter.« Doch schon während der polnischen Herrschaft seien sie nicht in ihrem angewiesenen Bezirk geblieben, sondern hätten auf polnischem Boden nach Belieben geplündert und geraubt. Auch erinnerten sie an Ziegen, schon weil sie wie die Ziegen herumspringen würden und kein Land für sie so schwer zugänglich sei, dass sie nicht hätten eindringen können.
Immerhin konzediert der Autor des Zedler, dass die »Einwohner der Ukraine mehrenteils stark« seien, »großmütig, große Verächter des Geistes und ungemeine Liebhaber der Freiheit, so, dass sie auch die allergelindeste Dienstbarkeit nicht erdulden können«. Desgleichen seien sie »kühn« und »unverdrossen«. Doch als wäre das schon zu viel des Lobes, wird gleich hinzugefügt, sie seien »der Trunkenheit aufs höchste ergeben, treulose Freunde und meineidige Feinde«. Ihre besondere Liebe gelte der Zubereitung von Schießpulver.
Für den aufgeklärten männlichen Europäer zeigt besonders das Bild der ukrainischen Frau bedrohliche Züge: »In diesem Lande ist die Gewohnheit, dass die Weiber die Männer freien, welches so gemein [gewöhnlich] ist, dass man es für gar nichts unanständiges hält. Wenn daher die Weibspersonen Männer haben wollen, so reden sie deshalb nur mit desselben Anverwandten.«
Selbst Gott scheint der Ukraine nicht wohlgesinnt, überziehe er sie doch fortwährend mit biblischen Heimsuchungen. »Dies Land ist so sehr mit Fliegen geplagt, dass sich die Einwohner auf unterschiedliche Weise dagegen wehren müssen. Jedoch hat es noch mehr Heuschrecken, welche bei trockener Zeit als große Wolken von 5 bis 6 Meilen Länge und vier Meilen Breite gezogen kommen und bei hellen Mittag die Sonne verfinstern.« Fielen sie irgendwohin ein, so sei in zwei Stunden alles kahl gefressen, und auch die Menschen könnten nichts zu sich nehmen, ohne Heuschrecken zu verschlucken.
Diese Beschreibungen sind an das Alte Testament angelehnt. Entscheidend ist jedoch, dass schon hier die Bewohner des Landes mit der biblischen Plage selbst identifiziert werden. Auch dazu findet sich das Vorbild in der Bibel: In der Offenbarung (9, 1–12) erscheinen Heuschreckenschwärme als feindliche Heere.
All diese Topoi, von der Trunksucht und Treulosigkeit bis zur Heuschreckeninvasion, finden wir bald darauf wieder in der preußischen Propaganda während des Siebenjährigen Krieges, als russische Armeen erstmals für längere Zeit nach Deutschland vorstoßen. Jetzt treten »die Russen« an die Stelle der »Hunnen« und »Türken«, die im nationalen Diskurs des Humanismus und Barock – mittelalterlicher Kreuzzugsrhetorik verpflichtet – den Antichrist verkörpert hatten. Besonders eindrucksvoll zeigt das die Geschichte des Siebenjährigen Krieges in Deutschland von 1756 bis 1763, die 1788 der Hamburger Publizist Johann Wilhelm von Archenholtz verfasste. Archenholtz (1743 bis 1812), der selbst noch als Jüngling unter Friedrich II. Soldat gewesen war und später als liberaler Zeitungsmann in seinem berühmten politischen Journal Minerva nicht ohne anfängliches Wohlwollen die Französische Revolution beobachtete, übernahm für sein Buch ganze Passagen aus preußischen Propagandaschriften. Es wurde zu einem Klassiker der borussischen Historiografie und hatte einen übermächtigen Einfluss auf das Bild der Deutschen vom Osten.
So berichtet er von Kosaken, Kalmücken und Tataren, die das Land mit Feuer und Schwert verheerten, »und zwar auf eine Art, die seit den Zeiten der Hunnen nicht in Europa erlebt worden war. Die Unmenschen mordeten oder verstümmelten unbewaffnete Leute aus satanischer Lust. Man hing sie an Bäume auf, schnitt ihnen Nasen und Ohren ab; anderen wurden die Beine abgehauen, der Bauch aufgeschnitten und das Herz herausgerissen.«
Zur Schlacht von Groß-Jägersdorf bemerkt Archenholtz, das preußische Heer habe hier nicht gekämpft, »um den Ehrgeiz eines Monarchen zu befriedigen, sondern gegen barbarische Völker für seinen eigenen Herd«. Alle Ansiedlungen, wo »diese höllischen Schwärme hinkamen, gingen in Rauch auf«, die Landstraßen seien mit Leichen bedeckt. Diese Feinde seien »Halbwilde«, »dem Stand der Wildheit näher als dem Stande der Barbarei«.
Die preußische Propaganda erfindet immer neue russische Greueltaten
Beim Rückzug von Berlin hätten sich die Kosaken bei Gräueltaten besonders hervorgetan. Ihr Auftauchen sei »das schreckliche Signal, wo man Raub, Verstümmelung der Glieder, Mord, Brand und Schändung des weiblichen Geschlechts erwarten musste«. Hier scheint schon die nationalsozialistische Propaganda vorweggenommen – und doch ist es nur die Wiederholung eines Topos, den wir bereits aus Beschreibungen des Livländischen Krieges im 16.Jahrhundert kennen.
Zur Schlacht bei Zorndorf berichtet Archenholtz, Friedrich habe vor der Schlacht Befehl erteilt, »keinem Russen Pardon zu gegeben«. Ähnlich soll sich der König vor der Schlacht von Kunersdorf geäußert haben. Es genüge nicht, die russische Armee zu besiegen. Sie müsse »vernichtet« werden, da sie sonst immer wiederkäme, »ihre Verheerungen zu erneuern«.
Selbst von Kannibalismus weiß der Autor zu berichten. »Die Erinnerung an die von den Russen verübten Greuel erstickten bei den preußischen Soldaten« wiederholt jede Empfindung der Menschlichkeit – »so dass manche schwer verwundeten Russen, die hilflos auf dem Schlachtfelde lagen, mit den Toten zusammen in Gruben geworfen, und also lebendig begraben wurden…« Der »große König« aber kannte keine Gnade: »Wir haben es mit Barbaren zu tun, die am Begräbnis der Menschheit arbeiten.«
Es versteht sich, dass es auch bei den Gegnern Preußens, vornehmlich aufseiten der Sachsen und Österreicher, intensive Propaganda gab. Da sie mit den Russen verbündet waren, klang hier manches anders. Dies aber hatte für das spätere Russen-Bild keine Bedeutung, sowenig wie die zur selben Zeit im aufgeklärten Göttingen blühende wissenschaftliche Russlandforschung, die sich um eine realistische Darstellung der östlichen Gesellschaften und Lebensverhältnisse bemühte. Gegen die fatale Wirkung von Archenholtz’ Werk kam auch sie nicht an. Schon zu seinen Lebzeiten galt es als das in Deutschland meistverkaufte Geschichtsbuch. Im 19. Jahrhundert erschien es im Abstand von wenigen Jahren, teilweise jährlich, in immer neuen Auflagen.
Daneben gab es noch andere Überlieferungsstränge, die das Bild vom unmenschlichen Russen, von den hereinbrechenden Fluten aus dem Osten vertieften. So griffen von 1812 an französische und rheinbündische Flugschriften die Furcht vor der drohenden Überschwemmung Europas durch die barbarischen Völker aus dem Osten erneut auf.
Freilich wäre es überzogen, hier schon das Vollbild des modernen Rassismus zu diagnostizieren. Den Fremden als Barbaren auszugrenzen war seit der Antike Brauch und polemische Sitte. Zudem muss die antirussische Agitation auch als Reflex auf die Eingliederung Russlands in das europäische Mächtesystem verstanden werden, wie sie sich seit der Zeit Peters des Großen mit Verve vollzog.
Und doch sind die Begriffe schon dieselben wie in der Sprache des pseudowissenschaftlich fundierten Rassismus des späteren 19. Jahrhunderts. Wann immer gebraucht, waren die Stereotypen schon da, ob man nun vom »ungebildeten«, »grausamen«, »sinnlichen« Slawen schwadronierte oder die »Weite des Ostens« beschwor (die einerseits Expansionsgelüste reizte, andererseits diffuse Bedrohung blieb). Ohnehin stigmatisierte Gruppen konnten mit dem Zusatz »aus dem Osten« weiter herabgestuft werden.
»Barbarisch« und »schmutzig«, wie »der Osten« war, bedrohte er nicht nur die staatliche Integrität seiner westlichen Nachbarn, sondern auch deren Kultur und Gesundheit. So warnte der einst vielgelesene Dichter und nationalistische Hassprediger Ernst Moritz Arndt (1769 bis 1860) vor der Einwanderung der Juden aus Polen und Russland als vor einer »unreinen Flut aus dem Osten«. In der berüchtigten antisemitischen Suada des einflussreichen Berliner Historikers Heinrich von Treitschke, Unsere Aussichten, klang es 1879 etwas ziviler, in der Tendenz jedoch identisch: »Über unsere Ostgrenze […] dringt Jahr für Jahr aus der unerschöpflichen polnischen Wiege eine Schaar strebsamer hosenverkaufender Jünglinge herein, deren Kinder und Kindeskinder dereinst Deutschlands Börsen und Zeitungen beherrschen sollen.«
Das »Testament Peters des Großen« entfaltet seine Wirkung
Während des 19. Jahrhunderts wurde die Russophobie nicht zuletzt durch das so genannte Testament Peters des Großen wach gehalten, das einen Plan zur Erlangung der russischen Weltherrschaft enthält. Es handelt sich dabei um eine Fälschung, wahrscheinlich im 18. Jahrhundert von polnischen Emigranten fabriziert. Diese Schrift hatte große Bedeutung in der napoleonischen Propaganda, während des Krimkrieges, ja sie wirkte über die Jahrhundertwende in beide Weltkriege hinein, und wurde zuletzt sogar noch 1979 nach dem sowjetischen Einmarsch in Afghanistan zitiert. Obwohl man früh wusste, dass nichts darin stimmte, passte dieses »Testament« des Zaren doch gut in das Bild vom »räuberischen Osten«. »Der große Gott«, heißt es dort, »gestattet mir, das russische Volk als zur zukünftigen Herrschaft über ganz Europa berufen anzusehen. Ich habe Russland einem Bache gleich vorgefunden und werde es einem Strome gleich hinterlassen. Meine Nachfolger werden daraus ein gewaltiges Meer machen.«
Ohne Zweifel war das Bild Russlands im 19.Jahrhundert abhängig von den aktuellen Bündniskonstellationen und dem Verhältnis zum geteilten Polen. Waren die Beziehungen gut, erinnerte man sich gern an die Waffenbrüderschaft im Kampf gegen Napoleon. Gab es Spannungen wurden die bewährten Klischees wieder scharf gemacht. Galten die Russen einerseits als grausame Unterdrücker der freiheitsliebenden Polen, so war ihre Hilfe stets willkommen, wenn die eigenen polnischen Provinzen unruhig wurden.
Die schiere Größe des russischen Reiches und sein schnelles Wachstum ängstigte das wilhelminische Deutschland, das sich selbst auf Expansionskurs befand. Die Vorstellung von dem unausweichlichen Kampf mit dem Slawentum verfestigte sich zum Dogma. Im Ersten Weltkrieg mobilisierte die Propaganda dann das ganze Arsenal der bekannten Stereotype. Deutsche Professoren aller Fakultäten arbeiteten dem zu, indem sie einerseits den volksgenossenschaftlichen Geist von 1914 gegen die liberalistisch-individuellen Ideen von 1789 betonten und dem Deutschen Reich gleichzeitig die Aufgabe zuwiesen, Europa, das Abendland, »gegen die Barbarenflut aus dem Osten« zu verteidigen. Was daraus im Zweiten Weltkrieg, in den Händen der NS-Propaganda wurde und wie diese dann die Kriegführung der Wehrmacht gerade in den östlichen Ländern beeinflusste, ja bestimmte, ist bekannt.
Als bekannt darf auch das Nachwirken dieser Bilder in der Zeit des Kalten Krieges vorausgesetzt werden. Viele »antibolschewistischen« Kampfparolen der Nazijahre lebten in den Losungen des forcierten Antikommunismus auf unheimliche Weise fort. Immer noch dräute »die Flut aus dem Osten«, der »heimtückische Russe«.
Heute, 15 Jahre nach der Implosion des Warschauer Paktes, schwelen die alten Brandreden weiter – und wir fürchten uns vor »Ostkriminellen«, der russischen Mafia und ukrainischen Zwangsprostituierten. (Wer sind übrigens, ganz nebenbei gefragt, eigentlich deren Kunden?)
Doch nach all den Katastrophen des 20. Jahrhunderts wäre es wahrlich eine absurde Pointe der Geschichte, wenn jetzt, da die große Chance endlich da ist, auf die Europa vier lange Jahrzehnte der Teilung und des Kalten Kriegs hindurch gehofft hat, aus tagespolitischem Zank heraus alte Feindbilder wieder Macht über unser Denken und Handeln gewönnen. Und zu der großen Chance gehört eben auch Reisefreiheit, Bewegungsfreiheit, wer wüsste das besser als die Deutschen selbst? Viele Ukrainer sind in den Westen gekommen, haben hier gesehen, was Demokratie bedeutet. Zurück in der Heimat, haben sie sich mit ihrer Orangenen Revolution vom Kutschma-Regime befreit. Ihr Sieg strahlt heute weit über die postsowjetischen Staaten bis in den arabischen Raum. Europa kann stolz darauf sein – und Deutschland sollte bei dem Wort Freiheit nicht gleich wieder den Mut verlieren.
Der Autor ist Historiker und lehrt an der Universität München
- Datum 17.03.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 17.03.2005 Nr.12
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