Interview »Ich bin der Israeli schlechthin«
Zur Leipziger Buchmesse: Der israelische Schriftsteller Aharon Appelfeld über jüdische Parallelwelten, ausländische Klischees und die Wirklichkeit seines Landes
DIE ZEIT: Können wir deutsch reden?
Aharon Appelfeld: Ja, wenn Sie das gerne möchten. Ich habe leider viel von dieser Sprache verloren. Deutsch war meine Muttersprache bis zum Alter von acht Jahren. Es ist mehr als 60 Jahre her, dass ich sie benutzt habe.
ZEIT: Sie sind in Czernowitz aufgewachsen, einer Stadt, in der vor dem Zweiten Weltkrieg viele Juden lebten.
Appelfeld: …und deren Kultur deutsch war. Czernowitz hatte fast 170 Jahre zu Österreich gehört, Deutsch war damals eine Weltsprache. Es gab ein Latein-Gymnasium, eine große Universität, alles in deutscher Sprache. Sie war Religionsersatz für assimilierte Juden wie meine Eltern, die ja ihren Glauben hinter sich gelassen hatten.
ZEIT: Man wagt es kaum, Sie nach Ihrer Vergangenheit zu fragen. Sie haben so viel Schreckliches erleben müssen, dass man sich sorgt, bei Ihnen alles immer wieder aufzuwühlen. Das muss sehr anstrengend sein.
Appelfeld: Es ist anstrengend, aber das Leben ist anstrengend.
ZEIT: Haben Sie die Gedenkveranstaltungen zum 60. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz verfolgt?
Appelfeld: Ich habe mir das angesehen und auch etwas für die New York Times geschrieben, aber ich bin nicht aktiv im politischen Leben. Als Schriftsteller halte ich mich davon fern.
ZEIT: Aber Sie sind täglich mit der Vergangenheit beschäftigt.
Appelfeld: Ja, aber ein Schriftsteller schreibt nicht über die Vergangenheit. Das tun die Historiker. Ich schreibe über die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Meine Aufgabe ist es, alle drei Zeiten zusammenzubinden. Sonst ist man entweder Historiker, Journalist oder verfasst Science-Fiction. Als Schriftsteller erinnere ich mich an eine Situation: Wenn wir hier sitzen und uns später fragen, was das bedeutet, dann wird die Vergangenheit zur Gegenwart. Und die Zukunft steckt in der Frage, was wir daraus machen werden, wann wir uns das nächste Mal sehen?
- Datum 15.03.2007 - 12:35 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 17.03.2005 Nr.12
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