FamilienpolitikBenachteiligt von Amts wegen

Offiziell fördert die Politik Frauen in der Wissenschaft. Doch für Kindererziehung gibt es im Hochschulrahmengesetz keinen Bonus. Eine Familieninitiative will das ändern von Anke Weidmann

Bevor sie über die "Komplexität von Software-Architekturen" nachdenken kann, muss Carola Lilienthal jeden Tag zunächst die Komplexität ihres Lebens bändigen. Die bestimmendste Einflussgröße hört auf den Namen Frederic, ist sechs Jahre alt und muss morgens um acht Uhr in den Kindergarten. Erst danach kann die Wissenschaftlerin mit ihrem roten Caravan ins Informatikum im Hamburger Vorort Stellingen düsen, um sich ihren Software-Problemen zuzuwenden. Wenn sie dort am Schreibtisch sitzt, läuft die Zeit. "Zwei Jahre bleiben mir noch für die Promotion", sagt die Alleinerziehende. Ist sie dann nicht fertig, kann sie die Forschung trotz exzellenter Leistung abschreiben. Mehr Zeit bewilligt ihr das Hochschulrahmengesetz (HRG) nicht. Die Tatsache, dass sie auch Mutter ist, wird dabei schlicht nicht berücksichtigt.

Frauen in der Wissenschaft sind in einer paradoxen Situation. Einerseits gilt ihnen neuerdings das ganze Wohlwollen der Politik. Mit speziellen Programmen will das – erstmals von einer Frau geführte – Bundesforschungsministerium (BMBF) die Frauen für eine wissenschaftliche Karriere stärken und dazu beitragen, den Anteil der Professorinnen zu erhöhen. In Networking-Kursen und Mentoring-Programmen etwa sollen Frauen lernen, sich gegenseitig zu unterstützen, Erfahrungen auszutauschen und ihre Kräfte zu bündeln. Doch zugleich hat dasselbe BMBF ein Hochschulrahmengesetz vorgelegt, dass junge Akademiker/-innen mit Kindern systematisch benachteiligt.

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Denn in den Befristungsregelungen des HRG ist die Zeit der "wissenschaftlichen Weiterqualifikation" auf insgesamt zwölf Jahre begrenzt, maximal sechs davon entfallen auf die Promotion. Ob ein Mitarbeiter währenddessen eine volle Stelle hat oder Teilzeit arbeitet, spielt keine Rolle. Und ob er nebenher Kinder großzieht oder als Single lebt, wird ebenfalls nicht berücksichtigt. Zwar erlaubt das Gesetz eine Verlängerung der Zwölfjahresfrist durch Mutterschutz und Erziehungszeit. Allerdings – und dies ist der Knackpunkt – müssen die Jungakademiker dazu ihre Arbeitszeit, egal, ob voll oder halb, offiziell reduzieren. Und diese Regelung geht an der Praxis der meisten erziehenden Wissenschaftler vorbei.

Gestressten Forschereltern hilft in Hohenheim die "Kinderfeuerwehr"

So bekam etwa Andrea Paul, Biophysikerin und Mutter von Zwillingen, nach ihrer Promotion drei vielversprechende Stellenangebote auf den Tisch. Sie entschied sich bewusst für eine halbe Stelle am Berliner Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei, weil sie sich mehr um ihre Kinder kümmern wollte. Offiziell reduzierte sie ihre Arbeitszeit nicht – sie hatte ja nur eine halbe Stelle. Deshalb wird sie von Gesetz wegen behandelt wie andere Kollegen, die rund um die Uhr an ihrer Habilitation arbeiten. Mittlerweile sind die Zwillinge zwölf und selbstständig genug. "Jetzt kann ich wieder so arbeiten, wie man das müsste, um zu habilitieren", sagt Paul. Einen Teil der erforderlichen Publikationen hat sie zusammen – ihre Stelle läuft aber im Mai nächsten Jahres aus. Dann ist auch die Zwölfjahresfrist verstrichen.

Bei Carola Lilienthal hingegen liegt der Fall etwas anders. Als sie schwanger wurde, hatte sie bereits drei Jahre an der Uni Hamburg gearbeitet. Nach Frederics Geburt nahm sie wegen des Kindes einen besser bezahlten Teilzeitjob in der Wirtschaft an. Erst auf Drängen ihrer Professorin wagte sie vor einem Jahr den Schritt zurück in die Forschung. Da musste sie mit ihrer Doktorarbeit praktisch von vorn beginnen, ihre Vorarbeiten waren veraltet. Doch die Anstellungszeit an der Uni vor Frederics Geburt zählt in der Fristenregelung des HRG mit. Und weil sie nie offiziell Erziehungszeit nahm, kann sie nun – trotz Doppelbelastung – von den Ausnahmeregelungen des Hochschulgesetzes nicht profitieren.

Benachteiligt werden vom HRG vor allem forschende Eltern, die keine ganze Stelle haben – und das ist ein Großteil. Teilzeitstellen sind in der Wissenschaft eher die Regel. Dies liegt an der finanziellen Situation der Hochschulen, aber auch am Wissenschaftsbetrieb selbst, wo Drittmittelzusagen oft kurzfristig fallen, Projektmittel zeitlich begrenzt sind und Mitarbeiter sich oft von einem befristeten Vertrag zum nächsten hangeln. Gearbeitet wird meist trotzdem rund um die Uhr: Schließlich gilt Wissenschaft als Leidenschaft, als Berufung. Und es geht ja um die eigene Zukunft.

Wer in dieser Situation Kinder bekommt, muss das Forschungspensum, das in der Regel außerhalb der offiziellen Arbeitszeit geleistet wird, zwangsläufig zurückschrauben – denn die wenigsten können es sich finanziell erlauben, die bezahlte Arbeitszeit durch Erziehungszeit anzuknapsen. So reduzieren die Eltern eben ihre freiwillig geleisteten Überstunden; die eigene Arbeit an der Promotion oder Habilitation verzögert sich, während die Zwölfjahresfrist unaufhaltsam verstreicht. Die Regelungen treffen nicht nur Frauen. Auch Oliver Sass, Geograf an der Uni Augsburg, fühlt sich benachteiligt. Sein Gehalt von einer halben Assistentenstelle reicht für die Familie mit zwei Kindern nicht aus. Also muss seine Frau dazuverdienen, und er übernimmt zeitweise die Betreuung der Kinder: "Natürlich leidet darunter die Zielstrebigkeit in Richtung Habilitation, und die HRG-Uhr tickt ungerührt."

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