Bernhard HeisigNur Wut, Wut, die kann ich richtig gut malen

Die Weltgeschichte als Blutgericht – ein Besuch bei dem Maler Bernhard Heisig, der in der DDR abwechselnd geehrt und geschmäht wurde und nun seinen achtzigsten Geburtstag feiert von 

Ein seltsamer Ort für einen wie ihn. So tief die Stille und so weich die Hügel, dazwischen ein Schlängelflüsschen, die Havel. Jetzt, im Frühjahr, wächst sie weit über sich hinaus, flutet Wiesen, Auen, Felder, und niemand kann sagen, wo Land ist und wo Wasser. Bis in sein Atelier fließt diese ausufernde Landschaft, leckt hinein durch die weiten Scheiben. Nur über die Leinwand, da läuft sie ihm nicht. »Glauben ja alle«, sagt er brummelnd, »dass ich plötzlich romantisch werde, so mitten in der Natur. Aber mit Idylle ist nichts bei mir. Dafür habe ich noch viel zu viel Wut.«

Als Bernhard Heisig vor zwölf Jahren wegzog aus Leipzig, hinaus ins gewellte Irgendwo, nach Strodehne im Havelland, da hielten das viele für Rückzug. Heisig, der deutsche Schlachtenmaler des 20. Jahrhunderts, der mit 16 für Hitler in die Normendie zog, mit 36 von Ulbricht abgestraft wurde, mit 46 von Honecker den Nationalpreis bekam, der als Ostdeutscher den westdeutschen Kanzler malte, der sich nach dem Mauerfall als Spitzel und Apparatschik verleumden lassen musste, Heisig, der immer streitbar war und umstritten, er floh nun, so schien es, in die Unnahbarkeit und setzte sich zur Ruhe. »Ist alles Unsinn«, sagt er und schaut verschmitzt durch sein Atelierhaus. »Ein Sofaleben, das könnte ich gar nicht. Da würde ich mir selbst unerträglich. Ein schlechtes Gewissen hätte ich außerdem.«

Heisig ist stur, das war er immer. Jeden Morgen kommt er pünktlich um zehn hinüber aus seinem alten Bauernhaus. Seit einem Sturz vor ein paar Jahren sitzt er im Rollstuhl, und auch die Hände wollen nicht mehr wie früher. Doch das hält ihn nicht ab, er braucht den Ölgeruch, braucht die Leinwände, die für ihn keine Wände sind, sondern Schleusen in eine andere Zeit, in eine Geschichte des Kriegs, des Aufruhrs, der aufplatzenden Gefühle.

»Furchtbar, wenn so ein Bild noch ganz nackt ist«, sagt er. »Das mal ich schnell dreckig.« Ein paar Schlieren und Striche und immer neue Tüpfel, bis er sich verliert im Wirrwarr, bis ihn irgendwann etwas anblickt, eine Figur auftaucht und noch eine. »Die wandern dann so übers Bild, mal hierhin, mal dorthin. Und wenn ich nicht mehr weiterweiß, setz ich mich vor die nächste Leinwand und male erst mal da weiter.« Schicht um Schicht entsteht Bild um Bild, schreiende Köpfe, zerschundene Leiber, großes Rumoren, Absturz und Umsturz. »Ich kann leider nicht anders«, sagt er. Nicht die kühle Distanz eines Gerhard Richter. Nicht die gesuchte Eleganz des Werner Tübke. Heisig ist Wühlen, ist Überdruck, Farbgemetzel, ein Nahkampf mit der Kunst.

Oft sind es die historischen Stoffe, die ihn anziehen, Pariser Commune, der alte Preuße Friedrich, die Schlacht um Breslau. Und stets mischt er sich selbst mit unter die vielen Farbschlieren, drängt seine eigenen Erinnerungen an Ohnmacht, Blut und Bedrängung mit hinein in den übervollen Rahmen. Manchmal malt er sogar mitten ins Motivgetümmel sein eigenes Gesicht, einen Alten mit Matrosenbart und wasserblauen Augen, den großen Fahrensmann der DDR-Kunst. Ziemlich häufig passiert ihm das in letzter Zeit: dass er sich selbst zum Bild wird, ganz eingesponnen in seine Metaphernwelt und mit dem Heute fremdelnd.

Walter Ulbricht beschwerte sich persönlich über seine Bilder

Dabei war er nie jemand, der nur so für sich, nur fürs eigene Seelenwohl malte. »Bin ja kein Eigenbrötler. Ich will, dass meine Bilder gesehen werden. Dass sie etwas auslösen.« So bestimmt sagt er das, man könnte meinen, er habe immer an Lösungen gemalt, an einer Formel- und Appellkunst. Seine Bilder hingegen erzählen meist von Zweifeln und Verzweiflung. Und bleiben oft so verworren, dass sich kaum sagen lässt, wofür sie einstehen, wovon sie künden. »Ist halt so eine Sache mit der Kunst«, sagt er und angelt sich eine große Plastikflasche Wasser. »Ist so eine Sache«, sagt er noch mal. »Was kann Kunst, was kann sie nicht?« Dann schweigt er lange. Und wechselt das Thema.

Erzählt von seiner Aufregung darüber, dass am Wochenende seine große Ausstellung in Leipzig beginnt, der Kanzler kommt zur Eröffnung. »Das Beste ist ja, dass die Bilder im Anschluss nach Düsseldorf reisen, in der Höhle des Löwen. Bin schon gespannt, was das gibt.« Ein bisschen Angst schwingt da mit, Düsseldorf, das ist immer noch die Hochburg der Westkünstler, der Abstrakten und Konzeptionisten, denen das Porträtieren und Allegorisieren eine Sache aus dem 19. Jahrhundert ist. »Aber vielleicht«, sagt Heisig, und seine Augen leuchten, »vielleicht gibt das auch Reibung. Und Reibung ist das, was ein Künstler braucht.«