Er mag etwas unstet sein, er hat kein Pathos und kann auch nicht allzu gut erklären. Aber als politischer Situationist ist er unübertroffen, der Zauberer ohne Hut, der Kanzler. Nun scheint wieder alles nach seinem Geschmack: wochenlang rot-grünes Chaos, enormer Druck, die SPD am Boden, Wirtschaftsdaten zum Fürchten, Opposition ante portas. Optimal! Wie schon bei Holzmann, beim Irak-Krieg, bei der Green Card, bei der Flut, vor der Agenda, beim Verzicht auf den SPD-Vorsitz. It’s Schröder-time!

Ist es das? In dieser wieder mal dramatischen Woche bereiten Runden Runden vor, Minister, die sich wochenlang nichts mehr zu sagen hatten, telefonieren miteinander. Und die Opposition ist auch dabei. Die Berliner Politik ballt sich zusammen zu einer Kraftanstrengung: Präsidentenrede, Regierungserklärung, Job-Gipfel und am Ende, wenn es nach Rot-Grün geht, die Rückeroberung des Macher-Images durch den Kanzler.

Wenn man dieser Tage im Kanzleramt nach den fliegenden Fakten forscht, dann wird das Gespräch ständig unterbrochen. Moment, heißt es, da kommt gerade der Minister mit einem neuen Papier. Sorry , auf der anderen Leitung ruft jetzt der Ministerpräsident an. Eigentlich schön, so viel Aktivität – zusätzlich zur Hartz-IV-Anstrengung – hätten sich die 5,2 Millionen Arbeitslosen schon zu Beginn des Jahres gewünscht. Doch dann tropfen Sätze aus den kleinen Kreisen, die ganz anders klingen. Zum Beispiel der vom Kanzler in vertrauter Runde: "Wir sind uns bewusst, dass NRW aus eigener Kraft nicht mehr zu gewinnen ist." Niemand widerspricht. Oder die Bemerkung eines führenden Sozialdemokraten: "Pessimismus ist ein Stadium der Reife." Nein, nein, fügt er mit maliziösem Lächeln hinzu, das sei nicht von ihm, sondern ein Buchtitel von Ludwig Marcuse. Einer, der Bände spricht.

Der Gipfel – eine Schröder-Situation ohne Schröder-Effekt?

It’s Schröder-Time? Es liegt ein Hauch von Vergeblichkeit über dem an sich so vertrauten Gesumse. Irgendwas scheint anders: Erstmals könnte es eine Schröder-Situation geben ohne Schröder-Effekt. An ihm liegt das nicht. Er ist sich treu geblieben. Nur sonst hat sich alles geändert: Franz Müntefering markiert diesmal die Grenze der Schröderschen Zauberei. Der SPD-Chef wird darauf achten, dass keine Beschlüsse gefasst werden, die seine Partei erneut in eine Zerreißprobe treiben. Und Vizekanzler Joschka Fischer ist vom Zugpferd zum Senkblei der Koalition mutiert. Überhaupt, die innere Machtlogik dieser neuerlichen großen Kooperation mit der Opposition hat sich umgekehrt, weil im Land eine Art gefrorener Ernst herrscht.

Eigentlich war im Fahrplan der Regierung für die verbleibenden eineinhalb Jahre eine Kooperation mit der Union nicht mehr vorgesehen. Deshalb war die erste Reaktion des SPD-Vorsitzenden auf den Brief von Angela Merkel und Edmund Stoiber ("Verlogenheit und Verkommenheit") die unfreundliche, aber authentische Antwort einer Partei, die nach einer verlustreichen Phase gemeinsam durchkämpfter Reformen die Zumutungen der Jahre 2003 und 2004 nicht fortsetzen mochte. Doch dann signalisierten die fünf Millionen Arbeitslosen, dass an eine Reformpause nicht zu denken war. Zu sehr kontrastiert das Handlungsdefizit der Regierung mit der Krise des Landes. Und die Schlappe der Sozialdemokraten bei der Wahl in Schleswig-Holstein wirkte als zusätzlicher Katalysator.

Dennoch bedurfte es des Briefes der Unionsspitze, um Rot-Grün in Bewegung zu setzen. Dass die Opposition eine strauchelnde Regierung zum Handeln zwingt, ist dabei keineswegs selbstverständlich. Viel näher läge es, der SPD von 1997 zu folgen, die den Niedergang der Regierung Kohl durch eine konsequente Blockadepolitik noch verschärft hatte. Die SPD-Opposition hatte die Mehrheit im Bundesrat. Und es war der damalige Parteichef Lafontaine, der den Reformer Schäuble damals auf null brachte. Der Unterschied zu heute ist signifikant: Seinerzeit wollte die Regierung lange verschleppte Reformen durchsetzen und wurde von der Opposition gestoppt. Heute hingegen drängt die Opposition gegen den Widerstand der Koalition auf weiter gehende Reformen.

Das klingt edel, eine Opposition, die ans Gemeinwohl denkt, fern jedes parteitaktischen Kalküls. So ist es natürlich nicht. Vielmehr wirbt Angela Merkel in den eigenen Reihen für die Kooperation mit der Regierung, indem sie den parteipolitischen Erfolg vergangener Zusammenarbeit herausstreicht: Es habe der Union in dieser Legislaturperiode nicht geschadet, der Regierung für die Reformprojekte im Bundesrat eine Mehrheit zu verschaffen. Und vielleicht ist es ja wirklich so, dass eine Blockadestrategie im bürgerlichen Lager weit weniger gut ankommt als bei Lafontaines Anhängern 1997.