Großbritanniens Wähler kennen kein Pardon. Erbarmungslos nehmen sie dieser Tage im Fernsehen ihren Premierminister in die Zange, der sich aller Voraussicht nach im Mai zur Wiederwahl stellen wird. "Tony", will Krankenschwester Marion von Blair wissen, "würden Sie jemandem für fünf Pfund die Stunde den Hintern abputzen?" Ein Schüler namens Kevin sagt, die neuen Antiterrorgesetze der Regierung hätten auch aus "Nazideutschland" stammen können. Neil, ein Mann um die 50, fragt den Premier, ob er wegen des Irak-Kriegs eigentlich noch gut schlafen könne. Maria aus Essex schreit den Regierungschef an: "Tony, was du sagst, ist einfach Quatsch." Die Mutter eines lernbehinderten Jungen, der in einer Schulklasse mit "normalen" Kindern untergeht, ist so aufgewühlt, dass sie aufspringt und wild gestikulierend auf Tony Blair zuläuft, was den Moderator dazu veranlasst, vorsichtshalber nach dem Sicherheitsdienst zu rufen.

Fernsehdebatten im Vorwahlkampf ähneln verblüffend Sendungen des Reality TV – Tony Blair als Hauptdarsteller der Dschungelshow, unter dem abgewandelten Motto: "Ich bin der Premier – bitte, bitte, lasst mich im Amt." Die Verantwortlichen von TV-Channel 5, dem fünften britischen Fernsehkanal, reiben sich nach der Sendung Ask Tony die Hände, da war richtig Zunder drin. Gut für die Einschaltquoten! Aber gut auch für den Regierungschef?

Manche Minister schütteln fassungslos den Kopf. "Reiner Wahnsinn" sei es, sich ungeschützt dem Zorn des Volkes auszusetzen. Die Presse sah es zunächst genauso. Blair sei "gedemütigt" worden, hieß es nicht ohne Häme, seine Suche nach einem Dialog mit den Wählern habe im "Fiasko" geendet.

Doch die Berater des Premiers waren hoch zufrieden. "Tony Blair kämpft wieder", sagen sie, "höchste Zeit." Denn der Ruf des Regierungschefs hat gelitten, seine Glaubwürdigkeit ist seit dem Irak-Krieg und den unauffindbaren Massenvernichtungswaffen erschüttert. Vorbei sind die Zeiten, da er mit treuherzigem Augenaufschlag die Mehrheit davon zu überzeugen vermochte: "Vertraut mir, ich bin doch ein geradliniger, aufrechter Typ." Vor allem seine Wählerinnen drohen ihm die Gefolgschaft zu kündigen. Viele Frauen sehen in Blair nur noch den arroganten Machopremier, der in Kriege zieht, die drängenden Probleme daheim wie etwa die Misere des Gesundheitssystems und die Kriminalität vernachlässigt. "Er versteht die Probleme einfacher Menschen nicht mehr" – zu diesem Urteil gelangen 54 Prozent der britischen Frauen. Der Vorwurf, dem lang dienende Regierungschefs stets ausgesetzt sind, verbindet sich im Falle Blair mit einem dramatischen Vertrauensverlust.

Deshalb jagen ihn seine Berater bis zu den geplanten Unterhauswahlen weiter durch die Fernsehstudios. Intern redet man von der "Masochismus-Strategie", zu der zwingend ein äußerst rüder Umgang des Publikums mit seinem Premier gehört. "Je härter, desto besser", sagt ein Wahlkampfmanager, "wenn es nicht wehtut, wirkt es nicht." Das klingt, als schwinge da ein Hauch von Schadenfreude mit.

Diese Strategie haben Blairs Berater vom Reality TV abgeguckt. In der Welt der Film- und Fernsehsternchen drängen vor allem verwelkende Berühmtheiten und sündige Stars begierig in die Programme des "Sadomaso TV". Wer die Zuneigung der Massen zurückerobern will, muss durchs Fegefeuer des schadenfrohen Voyeurismus, der muss bereits sein, sich erniedrigen zu lassen und Qualen zu überstehen. Filmgrößen waten bis zum Kinn im Morast und schlucken Würmer.

Auf die Politik übertragen heißt das: Auch der Premier will Sympathien zurückgewinnen – und muss deshalb erst einmal durchs Höllenfeuer gehen. Das Publikum schwingt die verbale Peitsche, beschimpft ihn als "George Bushs Pudel" und als "Lügner". Großbritannien hat sich kollektiv längst verabschiedet von der einst ausgeprägten "Kultur der Ehrerbietigkeit".

In der unterhaltungssüchtigen Mediendemokratie wird der Kampf um die Macht vor allem im Fernsehen entschieden – und nicht in Versammlungen –, dort begegnet man dem Volk. Um misstrauische, allerdings oft hoch emotional reagierende und schlecht informierte Wähler ins politische Lager zurückzuholen, loten die Parteistrategen neue Wege der Kommunikation aus – zum Beispiel Live-Debatten im Fernsehen, in denen sich der Premier dem zornigen Volk stellt, ohne dass politische Journalisten mit ihren Fragen dazwischenfunken. Das erlaubt Tony Blair den direkten Kontakt und sichert ihm gewaltige Zuschauerquoten. John Major, der letzte konservative Premier, rettete 1992 eine verloren geglaubte Wahl, indem er auf Englands Marktplätzen auftauchte, ganz altmodisch auf eine Kiste stieg und sich von der Halbhöhe an die Leute wandte. Das verbietet sich heute schon allein angesichts der Gefahr terroristischer Anschläge.