Planung, so geht das Spottwort, ist der Versuch, das Chaos durch den Zufall zu ersetzen. Aber es gibt Zufälle, die sehen wirklich wie geplant aus. Dass der Bundespräsident in dieser Woche im Berliner Haus der Wirtschafts eine Rede halten würde, war seit einigen Wochen bekannt. Niemand war von der Ankündigung in gespannte Aufregung versetzt worden. Was könnte der Bundespräsident denn überraschend Neues sagen? Aber nun hatten Angela Merkel und Edmund Stoiber plötzlich beschlossen, den Kanzler mit einem Gesprächsangebot in die Enge zu treiben – und Gerhard Schröder, anders, als manche seiner höheren Parteisoldaten es wollten, hatte die Herausforderung angenommen. Dass er vor dem Treffen noch eine Regierungserklärung einplante, war gewiss ein geschickter kleiner Schachzug. Ob er auch noch den Termin des Jobgipfels bewusst zwei Tage nach der absehbaren Rede des Bundespräsidenten buchte, solchermaßen den Rückenwind für Reformen einplanend – Planung oder Zufall, wer weiß das schon?

Jedenfalls bekam die Rede des Bundespräsidenten mit einem Mal eine unvorhergesehene Bedeutung. Würde er den Spitzen von Regierung und Opposition vor deren Begegnung noch einmal schnell und scharf ins Gewissen reden? Würde Horst Köhler ihnen geradezu einen Pflichten- und Lösungskatalog vorgeben, den sie gemeinsam abzuarbeiten hätten? Wer stand also nun mehr unter Druck? Der Bundespräsident, weil sich das politische Umfeld seiner Rede plötzlich verändert hatte – manch einer wollte ihm ja gleich die Moderation dieses "Gipfels" auftragen, nach dem Motto "Ich kenne keine Parteien mehr …"? Oder die Parteianführer, weil sie sich nun erst recht kein komplettes Scheitern mehr erlauben durften?

Das Beste an der Rede des Bundespräsidenten war die Tatsache, dass er sich durch all den Medien- und Taktikerwirbel um das Spitzentreffen überhaupt nicht irritieren ließ und fast so redete, als kennte er den Terminplan dieser Tage nicht. Gerade dass er sagt: "Ich begrüße, dass sich Regierung und Opposition in dieser Woche zusammensetzen." Zugleich wehrt er allzu kurzfristige Erwartungen ab: "Aktionismus hilft nicht." Viel wichtiger ist ihm, "dass auch die Grundlinien einer umfassenden Erneuerung von Wirtschaft und Gesellschaft besprochen werden".

Die Sache mit den Prioritäten: So langsam zeichnet sich das spezifische Wirkungskonzept des Bundespräsidenten Horst Köhler ab. Es ist, als folgte er dem Rat, den Helmut Schmidt einmal einem jüngeren Journalisten gab: "Sollten Sie jemals in die Politik gehen wollen, so merken Sie sich eines: Ihr Journalisten wollt jeden Tag irgendetwas Neues, Originelles sagen. Aber in der Politik kommen Sie nur zur Wirkung, wenn Sie sich nicht schämen und scheuen, Tag für Tag immerzu dasselbe zu sagen." Horst Köhler hat sich nicht etwa Prioritäten gesetzt, sondern konsequent – und logisch – eine Priorität: "eine politische Vorfahrtsregel für Arbeit". Und wer sich für eine Priorität entscheidet, setzt vieles andere bewusst zurück. "Was der Schaffung und Sicherung wettbewerbsfähiger Arbeitsplätze dient, muss getan werden. Was dem entgegensteht, muss unterlassen werden. Was anderen Zielen dient, und seien sie noch so wünschenswert, ist nachrangig", sagte Köhler am Dienstag.

Hier wird nun auch der Unterschied zu früheren präsidialen "Ruck-Reden" deutlich. Köhler glaubt nicht an schnelle, einfache, einmalige Lösungen – und offenbar auch nicht an singuläre Reden. Das Reformprojekt, das er anpeilt, hat allenfalls begonnen: "Das alles erfordert Zeit – über Legislaturperioden hinweg."

Und folglich wird Köhler keine Ruck-Reden, sondern "Schub-Reden" halten – immer wieder aufklären, immer wieder drängen, immer wieder beides: mahnen und ermutigen. Nur durch bohrend nachhaltige Reden, so muss man das verstehen, kommt man zu einer nachhaltigen Politik.

Das darf man allerdings nicht verwechseln mit Monotonie. Horst Köhler nimmt offenbar ständig neue Anregungen auf. Seine jüngste Rede bot dafür ein bezeichnendes Beispiel. Vor wenigen Tagen hatte der "Managerkreis" der Friedrich-Ebert-Stiftung (fast muss man sagen: wieder einmal) ein schonungslos realistisches Papier zum Thema einer nachhaltigen Haushalts- und Reformpolitik vorgelegt. Horst Köhler hatte sich vorab ein Exemplar erbeten. Noch am Montag sagte ein sozialdemokratischer Spitzenpolitiker zu dieser Studie: "Das ist sachlich alles richtig. Aber wer sich das politisch zu Eigen macht, ist ein toter Mann." Am Dienstag freilich machte sich Horst Köhler das Dokument zitierend zu Eigen – und siehe, er lebt!