Islam Zwischen Moschee und Eiscafé
Eine Dreiviertelmillion muslimischer Schüler gibt es in Deutschland. Die Diskussionsreihe »Islam und ich« will den interkulturellen Dialog im Klassenzimmer fördern. Ein Schulbesuch
Warum dürfen bei den Muslimen Männer mehr als Frauen?«, will die Schülerin aus der 8. Klasse wissen. Über »Respekt vor den verschiedenen Menschen« will ihre Freundin reden, über »Angst und Islam« der Mann in dem Anzug. Sie stehen in der Aula der Schule Slomanstieg, einer Grund- und Hauptschule im Hamburger Stadtteil Veddel. Über ihnen an der Wand hängt ein Transparent, darauf steht in großen Buchstaben: »Wir auf der Veddel, wie geht es miteinander?« In der Aula formen drei Stuhlreihen einen Kreis, darauf sitzen Schüler, Lehrer, Väter, Mütter, ein Pastor, ein Vertreter der islamischen Gemeinden Norddeutschlands – rund 100 Menschen, die darüber reden wollen, wie es ist, das Miteinander auf der Veddel.
Die Veddel, das ist ein Viertel im Süden Hamburgs, eingeschlossen von Elbe und Autobahn; 60 Prozent der Menschen, die dort leben, sind Einwanderer, den Kindergarten der evangelischen Kirche besuchen 90 Kinder, drei viertel von ihnen sind Muslime, die Schule hat 470 Schüler, Muslime die meisten auch hier, sie kommen aus 31 verschiedenen Ländern, als Muttersprache geben 40 Prozent Türkisch an, 16 Prozent Albanisch, 11 Prozent Deutsch.
Ein passender Ort, um einmal miteinander zu reden, nicht übereinander.
Möglich gemacht hat das Treffen die Körberstiftung. Gemeinsam mit der Kultusministerkonferenz hatte die Stiftung mit der Initiative »Praxisforum Schule und Islam« Lehrer dazu aufgerufen, Konzepte vorzulegen für den Umgang mit dem Islam in der Schule. Eine Dreiviertelmillion Schüler muslimischen Glaubens gibt es in Deutschland. Schulen haben damit eine wichtige Rolle im interkulturellen Dialog. Aber das Miteinander-reden fällt schwer, noch schwerer das gegenseitige Verstehen. Was sollen Lehrer tun, wenn sich Eltern weigern, ihre Töchter auf Klassenfahrt oder in den Schwimmunterricht zu schicken? Welche Kritik ist berechtigt, wo fängt Vorurteilsbildung an? Was hat mit Religion zu tun, was nicht? Die Unsicherheit ist groß, auf allen Seiten.
75 Vorschläge kamen zusammen, vom multikulturellen Radioprogramm bis zum Schüleraustausch in islamische Länder. Elf hat die Körberstiftung ausgezeichnet. Darunter auch die Diskussionsreihe mit dem Leitthema Islam und ich, die Sanem Kleff und Eberhard Seidel von dem Projekt »Schule ohne Rassismus« organisieren. Dabei kommen muslimische und nichtmuslimische Jugendliche zusammen und bestimmen selbst, worüber sie reden wollen; open space nennt sich die Methode. Es geht dabei nicht um Belehrung, sondern um Austausch auf Augenhöhe. Gemeinsam soll nach Wegen für ein besseres Zusammenleben gesucht werden. In mehreren deutschen Städten haben Kleff und Seidel so über 700 Schüler zum Diskutieren gebracht, aus Hauptschulen, Berufsschulen, Gymnasien.
Auf der Veddel hat die Körberstiftung mit den beiden die Projektidee weiterentwickelt: Es sollen nicht nur Schüler und Lehrer miteinander reden, sondern alle, die sich in diesem Stadtteil etwas sagen wollen, und dabei muss es nicht nur um den Islam gehen.
Rund vierzig Themen kommen so an diesem Februarvormittag zusammen. Es sind die kleinen Probleme im täglichen Miteinander – von dem so genannten Ehrenmord an einer jungen Frau in Berlin, der wenige Tage später Entsetzen auslösen wird, weiß man noch nichts. Es geht um Deutschkurse, Hausaufgabenhilfe für ausländische Eltern, wie für Mädchen ein glückliches Leben aussehen kann – aber die meisten Themen kreisen doch um den Islam. Kleff und Seidel sammeln sie ein, danach bilden sich kleine Gesprächsgruppen.
- Datum 17.03.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 17.03.2005 Nr.12
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