Jeder hat das schon einmal erlebt: Nach einer Zeit harten Schaffens sinkt die schöpferische Anspannung, nach einem Examen lässt man die Beine baumeln, auf uhrwerkartige Genauigkeit folgt Ungeschick. Der türkische Premierminister Tayyip Erdogan und seine Mannschaft haben am 17. Dezember an der Brüsseler Hochschule für EU-Beitrittskandidaten die Prüfung mit magna cum laude abgelegt – nach nur zweijähriger Vorbereitung. Seither geht vieles schief. Die umfänglichen Reformgesetze werden allzu langsam Wirklichkeit. Im türkischen Fernsehen laufen Bilder von brutal dreinschlagenden Polizisten. Aus Brüssel kommen Drohungen, das Examen nachträglich zu annullieren. Die Mannschaft beginnt zu streiten – mit der EU und mit sich selbst.

Für Erdogan ist das eine neue Erfahrung. Beim Beschluss von EU-Beitrittsverhandlungen im Dezember wähnte er sich auf der Höhe des Triumphs. Nun scheint es, als zerrönne ihm der Sieg vor Augen, noch bevor er ihn für sein Land nutzen konnte. Die Gegner treiben den Mann vor sich her: die Konservativen in Deutschland und Frankreich; die Kemalisten daheim; die türkische Rechte. Erdogan aber, der im Spiegel bisher stets zufrieden dem Erhabenen, Wahrhaftigen, Unfehlbaren entgegenblickte, macht Fehler und provoziert die Frage, ob er noch weiß, wohin er will.

In Westeuropa stecken die Gegner von Verhandlungen mit der Türkei nicht auf. Frankreich hat eigens seine Verfassung geändert, um den türkischen EU-Beitritt – sollten die Verhandlungen eines Tages zum Erfolg führen – per Referendum verhindern zu können. In Deutschland interpretiert die CDU/CSU das Prinzip pacta sunt servanda dahingehend neu, dass bei Abmachungen mit der Türkei Ausnahmen erlaubt sind. Gleich nach dem Verhandlungsbeschluss der EU versprach Angela Merkel ihren Wählern, alles zu tun, damit es nicht zu Verhandlungen komme. Für ihre Parteifreunde im Europäischen Parlament kamen die Bilder der prügelnden Polizei vom Bosporus genau richtig. So ein Land gehöre nicht in die EU, sagen sie.

So genau nimmt es die CDU-Eurogarde nicht überall. In der Europäischen Volkspartei (EVP) im EU-Parlament hat sie für den möglichst blitzartigen Beitritt Kroatiens zur Union der 25 gestritten. Die bei den Kroaten ebenso verehrten wie gut getarnten Kriegsverbrecher, welche die EU vor Verhandlungen ausgeliefert sehen will, beunruhigen die EVP-Abgeordneten weniger als türkische Schlagstockbeamte. Für sie gehören die Kroaten zu Europa, egal wie, die Türken nicht.

Für Europäer halten sich die türkischen Kemalisten schon. Aber dem Brüsseler Superstaat wollen sie sich nicht unterordnen, nicht zu dessen Bedingungen jedenfalls. Mit dem von der Kommission geforderten Rückzug der Militärs aus der Politik beginnt ihrer Meinung nach die Islamisierung der Türkei. Jeden Schritt des einstigen Islamisten Tayyip Erdogan beargwöhnen sie. Längst ist Staatspräsident Ahmet Necdet Sezer zum Chefrestaurator des Kemalismus mutiert. Regelmäßig lehnt er per Veto Gesetze aus Erdogans Reformwerkstatt ab. Vor einem Jahr war es eine Vorschrift, die meist ärmeren Studenten aus Berufsschulen den Weg an die Universitäten öffnen sollte. Leider galt das Gesetz auch für Absolventen von Koranschulen – es scheiterte an Sezer. Jüngst lehnte er eine Amnestie für Studenten ab, die Studiengebühren nicht bezahlt oder Prüfungen nicht geschafft hatten. Sein Motiv: Die Amnestie sollte auch für Studentinnen gelten, die wegen Kopftuchtragens auf dem Campus die Universität verlassen mussten.

Es waren meist junge Türkinnen, die am Sonntag vor dem Weltfrauentag im modernen Istanbuler Viertel Kadiköy demonstrierten. Die uniformierten Schläger wussten von den vielen Kameras, die auf sie gerichtet waren. Drum zogen sie sich Gasmasken über, holten mit dem Prügel noch mal kräftig aus, traten nach, wo es ging. Das war ihre Demonstration. Diese Polizisten stehen traditionell der ultranationalistischen MHP nahe. Sie lehnt die Verhandlungen mit der EU strikt ab.

Die Sabotage kam als Fernsehbild daher. Jetzt will die Staatsanwaltschaft die verprügelten Frauen auch noch ins Gefängnis stecken. Die Nationalisten nähren den beleidigten Stolz der Türken: "Die EU schurigelt uns mit ihrem Regeldiktat, die Amerikaner beschimpfen uns und päppeln die Kurden im Irak. Haben wir das nötig?"

Für einen Mann wie Tayyip Erdogan, dem wichtig ist, was das Volk denkt, ist solches Gerede gefährlich. In seiner konservativen Volkspartei, der AKP, haben Liberale und Ex-Islamisten, westlich-aufgeklärte und nationalistische Politiker zusammengefunden. Doch nicht alle in diesem anatolischen Polit-Ratatouille passen zueinander. Der rechte Flügel mault über die wiederholten Zugeständnisse an die EU und den Internationalen Währungsfonds. Die liberalen Modernisierer nervt der Kriechgang bei der Durchsetzung von Reformen. In der jüngsten Zeit hat schon ein halbes Dutzend von ihnen die AKP-Fraktion verlassen. Erdogan versucht es mit Beschwichtigung in alle Richtungen und weicht einer Entscheidung aus.