Wissen Sie", sagt der grau melierte Herr am Stammtisch, "so eine ungezwungene Gemeinschaft, die gibt es doch in einem normalen deutschen Café gar nicht mehr." Die Runde, acht Damen und Herren, alle Anfang bis Mitte siebzig, ist sich einig, schließlich trifft sie sich hier von Montag bis Freitag, manchmal auch noch am Samstag, jeden Morgen um neun Uhr zum Frühstück – bei Ikea in Hanau. Obwohl das Möbelhaus erst in einer halben Stunde offiziell öffnet, sind die 250 Plätze im Selbstbedienungsrestaurant fast komplett besetzt. Gemütlich geht anders. Aber 1,50 Euro für zwei Brötchen, Käse, wahlweise Lachs oder Salami, dazu Kaffee, so viel man trinken kann – das zieht, "das ist es, was das Rentnerleben ausmacht", sagt einer.

Mitte der siebziger Jahre eröffnete der Ikea-Konzern in Eching bei München seine erste Filiale in Deutschland, und damit auch sein erstes Restaurant. An den deutschen Standorten variiert die Größe der Restaurants von 200 Sitzplätzen in Saarlouis bis zu 640 Sitzplätzen in Berlin-Tempelhof. Mit Köttbullar und Co. erzielt die Möbelhauskette Umsätze, von denen das übrige Gastgewerbe nur träumen kann. Während die Gesamtbranche laut dem Statistischen Bundesamt im vergangenen Jahr gut drei Prozent an Umsatz verlor, legte Ikea um 22 Prozent zu – allein mit seinen Restaurants. Auf der Rangliste der hundert größten Gastronomen Deutschlands steht das schwedische Möbelhaus mittlerweile auf Platz elf, hat das Branchenblatt Food Service ermittelt. Mit einem Jahresumsatz von zuletzt 122 Millionen Euro erwirtschaftete Ikea fastdrei mal so viel Geld mit Essen und Trinken wie die Fast-Food-Kette Subway. Auch mit diesem Erfolg setzt Ikea einen Trend.

"Die Restaurants in den Möbelhäusern sind die neuen Treffpunkte", sagt Gretel Weiß, Herausgeberin von Food Service, sie seien sozusagen "öffentliche Wohnzimmer". Man kauft nicht einfach nur Tische und Stühle – man wohnt gleich dort, ein bisschen jedenfalls. Bei Möbel Walther in Berlin-Fredersdorf gibt es denn auch bürgerliche Küche, den Grünkohlteller für 5,50 Euro oder die Putenbrust mit Mandelreis für 4,95 Euro. Bis zu 1500 warme Mahlzeiten gehen in Spitzenzeiten über die Selbstbedienungstheke des Restaurants.

Ein Wettbewerbsvorteil der Möbelhäuser ist die meist gute Anbindung. "Das liegt hier so günstig an der Autobahn", sagt Klaus-Jürgen Stender, Restaurantchef bei Möbel Segmüller in Parsdorf bei München. Hier treffen sich Architekten und Handwerker neuerdings zum Geschäftsessen. Neben Möbeln auf fast 40000 Quadratmetern gibt es ein Restaurant mit mehr als 400 Plätzen sowie ein kleines Bistro und das so genannte Landhaus mit Plastik-Laubdach und rustikalen Bänken. Dort lassen sich am frühen Nachmittag zwei ältere Damen ihr Gläschen Merlot schmecken, für je 2,80 Euro. "Das Schöne ist, wenn du als Frau hier sitzt, wirst du nicht so von den Männern angequatscht", sagt die eine Pensionärin, während drei Meter weiter gerade eine beige Ledercouch verkauft wird. "Wissen Sie, was ich meine?"

Das Möbelhaus Segmüller ersetzt in der Gegend nicht nur die Dorfwirtschaft, sondern auch die Konditorei. Die Sahnetorten erfreuen sich selbst bei namhaften Gastronomen der Gegend großer Beliebtheit. Stenders größter Marketingcoup war bisher aber die Martinsgans am offenen Sonntag für 4,90 Euro. So voll war das Restaurant, dass viele Gäste eine Stunde auf die Gans warten mussten. Aber keiner meckerte. "Stattdessen haben sie in aller Ruhe ein, zwei Bier bestellt", sagt Stender.

Das Erfolgsgeheimnis sind in der Regel die niedrigen Preise. "Unsere Zielsetzung ist es nicht, viel Profit zu machen", sagt Kay Kulinsky, Restaurantleiter bei Ikea in Hanau. "Wir wollen das Einkaufserlebnis unterstützen und den Kunden für wenig Geld gute Qualität anbieten." Quer subventioniert wird trotzdem nicht, die Restaurants bei Ikea sind als Profitcenter konzipiert, müssen sich also selbst finanzieren. Ihre eigentliche Aufgabe lautet aber: Verweildauer erhöhen. Das Restaurant bei Ikea findet sich in jedem Haus am gleichen Punkt, nämlich zwischen dem Ende der Möbelausstellung und dem Beginn des Möbelmarkts. Die meisten Gäste rasten kurz, bevor sie dann zum eigentlichen Einkauf schreiten. Nicht wenige aber sind einfach nur so da, brauchen weder Billy-Regale noch Teelichter. "Ich treffe mich zwei-, dreimal die Woche hier mit meinen Freundinnen", sagt eine junge Mutter. "Wir können uns in Ruhe unterhalten,und die Kinder haben Platz zum Spielen." Ein Restaurant als Ort der Zwanglosigkeit, ohne Konsumdruck durch aufdringliche Bedienungen und mit kostenlosem Parkplatz. Offenbar ist dies eine Marktlücke, die die großen Möbelhäuser entdeckt haben.