Man kann am Beispiel von Zhengrong Liu drei Geschichten über die Globalisierung erzählen: Wie sie Menschen bereichert, weil sie Waren und Wissen weltweit verfügbar macht. Wie sie andere Menschen bedroht, weil sie ihre Arbeitsplätze größtmöglicher Konkurrenz aussetzt. Und wie beide Seiten miteinander in Berührung kommen.

Vor fünfzehn Jahren verschlug es einen dünnen, jungen Chinesen mit schwerem Koffer und Rucksack nach Köln. Von Deutschland kannte er nur die roten VW Santanas, die daheim in Shanghai als Taxis unterwegs waren. Deutsch sprach er nicht außer ein paar auswendig gelernten Sätzen, mit denen er die Botschaftsbeamten davon überzeugt hatte, dass er unbedingt in der Bundesrepublik studieren müsste. Eine andere Wahl hatte er nicht mehr: Der Westen versprach Wissen und Wohlstand, und die Vereinigten Staaten und Kanada hatten ihn zuvor bereits abgelehnt. Sein neues Zuhause wurde ein Zimmer des katholischen Kolpinghauses: Bett, Tisch, Stühle, Waschbecken und zwölf Quadratmeter grau melierter Resopal-Boden. Spartanisch, beschreibt es Kolping-Mann Thomas Peter Frenz. Luxus, fand der damals 22-jährige Liu: Ich hatte vorher in meinem ganzen Leben kein Zimmer für mich allein. Der damalige Heimleiter kann sich noch gut an den jungen Chinesen erinnern.

Vielleicht, weil der sich damals so schnell in sein Haus integrierte und sich pfiffiger anstellte als die meisten anderen, die dort als Lehrlinge oder Studenten unterschlüpfen. Vielleicht auch, weil Liu seit kurzem der Chef einer ehemaligen Kolping-Angestellten ist.

Im vergangenen Sommer ist Zhengrong Liu zum zweiten Mal nach Deutschland gezogen. Diesmal hatte er mehr Gepäck, und er wohnt in einem geräumigen Gründerzeithaus mit Parkett und Säulen vor der Tür. Der 37-Jährige ist Personalchef von Lanxess, einem Unternehmen, das bis vor kurzem zum Leverkusener Bayer-Konzern gehörte. Er lenkt die Geschicke von rund 20 000 Mitarbeitern weltweit.

Leute einzustellen gehört zu Lius Job - allerdings ist es nicht gerade seine Hauptaufgabe, zumindest nicht hier in Deutschland. Zwar profitiert die heimische Chemie momentan von der guten Weltkonjunktur, doch sie hat ein strukturelles Problem: Die Fabriken stehen hier, und der Boom findet in Asien statt. Vor allem in China. Wenn die Industrie künftig wächst, wird sie das dort tun. Im Westen können Unternehmen nur mit Innovationen trumpfen und müssen ansonsten schrumpfen.

Das gilt besonders für Lanxess in Leverkusen. Als der Bayer-Konzern vor vier Jahren wegen der Nebenwirkungen einer Arznei in die Krise geriet, stellte sich heraus, dass auch bei Kunststoffen und Chemikalien einiges im Argen lag.

Die Ladenhüter wurden aussortiert: zu Lanxess. Es waren nicht gerade die besten Startvoraussetzungen. Doch aus der Not wachsen mitunter neue Ideen.