Scheitert Europas Verfassungsvertrag an Frankreichs Bürgern? Seit vergangenem Wochenende antworten die Umfragen mit einem Ja, mittlerweile lehnen 52 Prozent der Franzosen lehnen den Vertrag ab, Tendenz steigend. Nicht an den gewohnt euroskeptischen Briten, Dänen oder Tschechen droht das große Projekt zu scheitern, sondern womöglich an einem Gründungsmitglied der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft.Am 29.Mai sollen die Franzosen über den Text abstimmen. Schon jetzt macht die Mehrheit der Befragten daraus ein Votum gegen die Wirtschaftspolitik der eigenen, konservativen Regierung – und einen Misstrauensantrag gegen das erweiterte Europa, in dem sich viele Franzosen nicht mehr zu Recht finden. In Brüssel wachsen derweil Nervosität und Gereiztheit: EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso zeigt sich "höchst erstaunt über die französische Debatte", in die er mit einem Fernsehauftritt am 21. April eingreifen will. Barrosos Vize Günter Verheugen hält die Diskussionsatmosphäre dort für "vergiftet". Der französischer Kommissar Jacques Barrot riet, besser "während der Kampagne keine neuen, konfliktträchtigen Debatten zu beginnen". Ein kaum verhüllter Vorwurf gegen den eigenen Chef: Denn Barroso hält an einer Überarbeitung der Dienstleistungsrichtlinie fest, die in Frankreich als unsozial verschrieen ist und am vergangenen Wochenende immerhin über 20.000 Gewerkschaftler des Landes zur Brüsseler Großdemonstration marschieren ließ. Chirac lehnt darum diesen Gesetzesentwurf als "unakzeptabel" ab, denn der Widerstand gegen den Brüsseler Vorschlag spielt nur den Neinsagern zum Verfassungsvertrag in die Hände. Was aber treibt den Neinsagern, die vor allem auf der äußersten Linken und äußersten Rechten zu finden sind, eine wachsende Zahl von Anhängern zu? Zunächst einmal der innenpolitische Zorn über die Rekordarbeitslosigkeit, über geplante Einschränkungen der 35-Stunden-Woche oder eine (inzwischen kassierte) Reform der Abiturprüfungen. Daneben aber auch eine europapolitische Enttäuschung, in der sich Wahn und Wahrheit mischen. Im größeren Europa kommt sich Frankreich kleiner vor, fühlt sich geografisch wie psychologisch an den Rand gedrängt. Der alte Einfluss in Brüssel sei dahin, jammern Franzosen in den Brüsseler Institutionen. Überall dominiere das Englische, nicht nur sprachlich, auch medial, denn die Financial Times hat längst der einst tonangebenden Zeitung Le Monde den Rang als Brüsseler Amtsblatt abgelaufen. In der Kommission sind die Franzosen wie alle großen Mitgliedsstaaten nur noch mit einem Politiker vertreten – und, so grummelt es auf Französisch, was ist schon der nette, blasse Barrot, verglichen mit dem großen Jacques Delors? Nach dessen Goldenen Zeiten sehnen sich Frankreichs Europäer zurück, an seiner Aura wird die Gegenwart gemessen und als epigonal verworfen.Argumente finden sich allenthalben: Sechzehn der 25 Kommissare rechnen vom Parteibuch her zu den Liberalen, einer im französischen Parteienspektrum nur spärlich vertretenen Familie, deren Denkweise zwischen Ärmelkanal und Mittelmeer als "angelsächsisch" verpönt, als angloamerikanisch und kapitalistisch verdächtig ist. Im Europäischen Parlament werden drei der vier großen Fraktionen von Deutschen geführt, den Grünen Daniel-Cohn Bendit mitgerechnet, und die vierte, liberale gar von einem Briten. All das deuten französische Medien als Machtverlust. Frankreich wirkt seelenkrank im neuen Europa. Und wo am fernen Horizont gar ein mögliches Neumitglied namens Türkei sichtbar wird, befällt den Citoyen endgültig ein manisch-depressiver Zug.Spätestens seit den düsteren Umfragen wird im Brüsseler Betrieb allerdings auch die umgekehrte Diagnose gestellt: Dem erweiterten Europa droht mit einem gallischen Nein die große Depression. Was also wäre wenn? Frankreich stünde dann isoliert da, erklärt Jacques Chirac. Von Rückzug aus der EU freilich kein Sterbenswörtchen. Anders der dänische Premier Anders Fogh Rasmussen. Sollte sein Land am 27.September mit Nein stimmen, dann drohe, sagt der Däne, der Austritt aus der EU. Ähnlich folgenschwere Gedanken hört man auch von der britischen Insel. Rasmussens belgischer Kollege Guy Verhofstadt erinnerte vor wenigen Tagen – mit Blick auf Dänen und Briten, nicht aber auf die Franzosen! – an das Verfahren im Notfall, wie das eine Zusatzerklärung zum Verfassungsvertrag vorsieht, die auf Wunsch der Staats- und Regierungschefs nachträglich angefügt wurde. Sollten demnach mindestens 20 Mitgliedsstaaten den Text ratifiziert haben, ein Land oder auch mehrere Nationen jedoch nicht, so tritt der Europäische Rat der Chefs zusammen – und "berät", was immer das Wort dabei bedeutet.Ein französisches Nein zum Verfassungsvertrag wäre darum zwar dessen unschönes Ende. Zugleich aber käme es im krisengeschüttelten Europa zu einem österlichen Ereignis, zu einer Art institutioneller Wiederauferstehung, inszeniert von 25 Staats- und Regierungschefs der Union. Die Frage ist nur: Glauben die Bürger in Frankreich und anderswo dann noch dem, was sie da auferstehen sehen?