Das Schauspiel in drei Akten ist seit Jahrzehnten das gleiche. Im ersten Akt tritt eine neue Regierung an, um den Zentralstaat zu modernisieren, die Finanzen zu sanieren und das Wachstum zu fördern. Weil sie das aber nicht einfach durchpeitschen kann, setzt sie auf Überredung und Dialog. Im zweiten Akt rufen die Gewerkschaften zu Massenstreiks und Großdemonstrationen auf, was die Regierung zu Rückzugsgefechten zwingt. Und weil sie schließlich von ihrem Programm nichts durchsetzen konnte, wird sie im Schlussakt, beim nächsten Urnengang, abgewählt. Vorhang.

Keiner Regierung ist es in den vergangenen Jahrzehnten gelungen, diese Dramaturgie zu ändern. Für Staatspräsident Chirac (dem einst als Premier auch keine Wiederwahl gelungen war) ist der einzige Trost, dass es auch linken Regierungschefs nicht besser erging. Das Wenige, was zuletzt die Regierung Jospin an Reformen schaffte, war kontraproduktiv und teuer – die 35-Stunden-Woche etwa, die Erweiterung der Krankenversicherung oder zwei Millionen staatlich geförderte Arbeitsplätze. Am Ende war auch Lionel Jospin (1997 bis 2002) keine zweite Amtszeit vergönnt.

Für das Pariser Nachrichtenmagazin Le Point ist das nationale Reformtheater längst zur "comédie française" geworden. Gerade erst haben massive Schülerproteste gegen die lang angekündigte Schulreform den erschreckten Bildungsminister veranlasst, seine Novelle mitten in der parlamentarischen Lesung zu revidieren. Und als neulich die Beamten und Angestellten des öffentlichen Dienstes massiv gegen Gehaltseinbußen demonstrierten, gestand die Regierung prompt eine einprozentige Erhöhung der Bezüge zu.

Die Zahl der reformpolitischen Dauerbaustellen Frankreichs, die seit zwanzig Jahren in Arbeit sind, ist weitaus größer: Staatsdienst, Arbeitsmarkt, Steuersystem, Gesundheitswesen, Forschung, Renten und Polizei, allesamt notleidende Bereiche der Staatsverwaltung, sie würde die konservativ-liberale Regierung von Premier Raffarin lieber heute als morgen umkrempeln. Doch zwei Monate vor der Volksabstimmung zur EU-Verfassung will niemand die Bürger reizen. Weil derzeit nur noch 56 Prozent der sonst so europabegeisterten Franzosen die Verfassung begrüßen, möchte die politische Klasse alles vermeiden, was bei der Abstimmung am 29. Mai zur nationalen Blamage führen könnte.

Beamte sind die härtesten Blockierer

Der Feind aller Reformversuche ist schnell ausgemacht: Es ist der Staatsapparat selbst, der alle Innovationen bremst. "Neunzig Prozent aller Streiks", wettert der konservative Publizist Claude Imbert, "werden von Staatsdienern angeführt." Wie früher christliche Prozessionen die Gaben des Himmels erfleht hätten, so würden die heutigen Marschierer den Versorgungsstaat anbeten.

In der Tat sind die Staatsdienste Frankreichs größter Wachstumssektor: Von 1980 bis 2001 stieg die Zahl der öffentlich Beschäftigten um 23 Prozent auf fünf Millionen, während die arbeitende Bevölkerung insgesamt lediglich um 14 Prozent wuchs. Demgegenüber konnte die Bundesrepublik seit der Vereinigung ihre Staatsdiener von 6,7 auf heute 4,8 Millionen reduzieren. So zählt die Banque de France trotz Kompetenzverlagerung immer noch viermal mehr Mitarbeiter als die Bank of England, und Frankreichs Finanzämter sind die personalintensivsten in Europa.

Seit langem gilt daher die Dezentralisierung als Patentrezept. Bereits Präsident Mitterrand, ein Sozialist, hat 1982 damit begonnen. Doch gegen die Aufblähung des Staatsapparats half es nicht, im Gegenteil: Anstelle von Einsparungen führte die Stärkung der Provinz zur Neueinstellung von einer halben Million Staatsbediensteten. Heute besitzt Frankreich "mehr Gebietskörperschaften als alle übrigen EU-Länder zusammen", staunt die Konrad-Adenauer-Stiftung in Paris.