ANTWORTEN I »Ein bisschen Wellness glättet manchen Ellbogen«

In der ZEIT vom 3. März schrieb Jana Hensel, der Erfolg der Emanzipation sei »ein Märchen«, Frauenzeitschriften propagierten ein gestriges Rollenbild. Auch die Schriftstellerin Sandra Hoffmann sieht das anders

Liebe Jana Hensel, back to the roots? Noch mal die männliche Autorität mit Tomaten bewerfen, noch mal unsere Brüste unter der Nase eines zeitgenössischen Dialektikers dickreiben, noch mal lila Latzhosen tragen und wenig später, natürlich kollektiv, im Evakostüm bei Tee und Kerzenlicht unser Selbst und unseren Körper erkunden? Muss das alles noch mal sein? Und wenn: Was brächte es ein, und wo soll das stattfinden und warum und gegen wen?

Denn, welche Maßstäbe setzt du, wenn du es nicht einmal für erwähnenswert hältst, dass seit Anfang der siebziger Jahre, neben all den gesellschaftlichen Veränderungen, zum Beispiel der Reform des Paragrafen 218, die Kriminalisierung sexueller Gewalt und die Selbstbestimmung sexueller Entwicklung erreicht worden sind, ganz zu schweigen von Gleichstellungsgesetzen, heißt Institutionalisierung feministischer Anliegen? Natürlich nicht in der radikal-feministischen Form, wie in den Siebzigern gefordert, aber doch im Umfang einer liberal-feministischen Gleichstellung. Wie selbstverständlich nimmt die weibliche Generation der Mitzwanzigerinnen die von ihren Müttern erkämpften Rechte heute als Möglichkeiten und Chancen in Anspruch.

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Du wirst sicher nicht bestreiten, dass die Individualisierung unserer bundesdeutschen Gesellschaft so weit fortgeschritten ist, dass es Frauen, oder fangen wir früher an, einer Vielzahl junger Mädchen sehr viel leichter geworden ist, ihren Lebensweg nach individuellem Wollen und Können zu gestalten.

Welches Bild weiblicher Identität, fragte ich mich beim Lesen deines Artikels, sind wir im Begriff zu entwickeln, wenn weibliche Potenz an der »respektablen Höhe« einer Schirrmacherschen »Latte« gemessen wird, die »wenigstens« so »hochhängt«, dass nur Frauen wie Sabine Christiansen, Liz Mohn, Ulla Berkéwicz oder Friede Springer an sie heranreichen? Und ist eine Frau erst dann eine emanzipierte Frau, wenn qua ihrer politischen, wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Macht für den Mann eine Bedrohung von ihr ausgeht? Ich habe verstanden: Die emanzipierte Frau hat ein bisschen Femme fatale, ein bisschen Amazone, ein bisschen Domina zu sein, »denn die Frauen dort oben müssen sich zur Wehr setzen können«.

Warum musst du so sehr die Zähne blecken gegen die »älteren Schwestern«, die aufgrund des Kinderwunsches auf Karriere verzichten möchten? Und kannst du dir vielleicht vorstellen, dass es keiner Frauenzeitschriften bedarf, um diesen Wunsch in sich zu entdecken? Wie viel Denkfähigkeit traust du Frauen eigentlich zu? Vielleicht sind große Schwestern einfach nicht mehr 28, sondern 37, und haben gemerkt, dass Karriere auch nicht das Alleinseligmachende ist. So was soll’s geben, und ein bisschen Wellness glättet vielleicht auch manchen gar zu rau gewordenen Ellbogen!

Und, liebe Jana, Teilzeitarbeit, Kinderläden und auch die Kinderkrippen mussten hier im Westen erst einmal hart erstritten werden! Verachte das, wer den (Hoch-)Mut dazu hat. Das sind Gegebenheiten, über die die Frauenbewegung bei euch im Osten aufgrund staatlicher (Über) Fürsorge nicht nachdenken musste. Ehefrau und Mutter konnte ja nicht einmal überlegen, wie sie ihren Alltag gestalten wollte, ihr blieb doch gar nichts anderes übrig, als euch Tag für Tag am Morgen vor der Arbeit in die Krippe zu schleifen, am Abend nach der Arbeit zum Einkauf ins HO-Geschäft und dann nach Hause. Ja, ihr »Ostmädels« habt dabei sicher das Rennen gelernt, und es wundert nicht, dass euch dabei einiges entgangen ist. – Verzeih, das ist kein westdeutscher Hochmut, jedoch gefällt es mir nicht, wenn du dort, wo das Skalpell angesetzt werden müsste, die Kettensäge herausholst. Trotzdem: Zuweilen ziemlich sauber geschnitten, und ich gebe dir Recht, es gibt noch viel zu tun! Ich aber meine, etwas weniger Dogmatismus täte uns allen gut, weniger Schmallippigkeit auch. Ich glaube, dass nicht mal die Feministinnen der ersten Stunde, die ich nach wie vor bewundere, im aufrechten Stand entspannt pinkeln konnten, ohne sich dabei selbst nass zu machen.

In diesem Sinne grüßt dich solidarisch Sandra Hoffmann

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