Evelyne ist Mutter eines sechsjährigen Sohnes und lebt in der Provinz Nordkivu im Osten des Kongos. Der Name ist ein Pseudonym, das sie schützen soll – vor ihren Vergewaltigern und vor der Scham. Denn es ist im Kongo gefährlich, mit Vertretern einer Menschenrechtsorganisation zu reden. Und es braucht Mut, die eigene Erniedrigung so zu beschreiben, dass andere sie sich ausmalen können: "Ich war unterwegs, um Mehl zu verkaufen. Es müssen mindestens zehn gewesen sein, die mich vergewaltigt haben. Ein paar kenne ich vom Sehen, weil sie öfter durch unser Dorf kommen. Mein Sohn hat alles mit angesehen. Sie haben uns beide mit Stöcken verprügelt; er hat immer noch Schmerzen. Ich muss wohl ein paar Tage bewusstlos im Wald gelegen haben. Die Leute, die uns fanden, haben mir Kleider gegeben. Ich war ja völlig nackt. Meine Gebärmutter ist seither zerstört. Ich lasse Wasser und Blut – vor allem, wenn ich die schweren Wasserkrüge trage."

Die Vergewaltiger waren Hutu-Milizionäre, Angehörige einer der Konfliktparteien des achtjährigen Kriegs im Ostkongo. Dort gibt es keine Frontlinien im herkömmlichen Sinn; die Gegner bekämpfen sich selten direkt. Sie tragen ihren Krieg durch eine endlose Kette von Plünderungen und Strafaktionen auf dem Rücken der Zivilbevölkerung aus. Mitarbeiter verschiedener Hilfsorganisationen berichten einhellig, dass sie noch nie ein solches Ausmaß an sexueller Gewalt erlebt hätten wie im Ostkongo. Zehntausende sind nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) vergewaltigt worden. Fast immer sind Frauen und Mädchen die Opfer. Die Täter sind Soldaten der kongolesischen Armee, Hutu-Milizionäre, Mai-Mai-Krieger oder Mitglieder einer der Rebellengruppen, die teils von Uganda, teils von Ruanda unterstützt werden. Einige sind seit dem Friedensschluss im Jahr 2002 in der Übergangsregierung in Kinshasa vertreten. An der sexuellen Gewalt im Ostkongo "hat das nichts geändert", sagt Juliane Kippenberg, Kongo-Expertin bei Human Rights Watch.

Die Lektüre der Menschenrechtsberichte kostet Überwindung: Einige Opfer sind drei Jahre alt, andere über siebzig. Manchen wird in die Vagina geschossen, anderen werden nach der Vergewaltigung die Augen ausgedrückt, damit sie die Täter nicht identifizieren können. Manche Milizen vergewaltigen, um einen Sieg zu feiern, andere, um sich für eine Niederlage zu "entschädigen"; wieder andere, um das soziale Gefüge der anderen Ethnie zu zerstören. Wenn die Frauen aus Angst nicht mehr aufs Feld gehen, kein Wasser mehr holen oder in die Wälder flüchten, dann ist das Dorf, die Gemeinschaft am Ende. "Effacer le tableau", "die Tafel abwischen" nennt man im Kongo, was in Bosnien "ethnische Säuberung" hieß.

Evelyne machte sich drei Monate nach ihrer Vergewaltigung auf den Weg nach Goma zu einem Hilfszentrum für Folteropfer. Goma ist die letzte Rettung für die Ausgestoßenen – Frauen, denen die Täter den Unterleib so brutal zerstört haben, dass sie inkontinent werden und als "stinkende Unpersonen" aus ihren Dörfern und Familien verbannt werden. 300 Dollar kostet die Operation, um aus den Parias wieder Mitglieder der Gesellschaft zu machen. In der Klinik von Doctors on Call verlangen die kongolesischen Ärzte keinen Cent. Aber einem Viertel ihrer Patientinnen teilen sie nach erfolgreicher Operation eine neue Hiobsbotschaft mit: Sie sind HIV-positiv.

Allen Widrigkeiten zum Trotz haben die ersten Frauen ihre Vergewaltiger vor Gericht gebracht – wenn es denn in ihrer Umgebung eine Gerichtsbarkeit gab. Dafür standen ihnen Kirchengruppen wie das Centre Olame in Bukavu oder Frauenorganisationen wie PAIF (Promotion et Appui aux Initiatives Feminines) in Goma zur Seite. Sie betreuen seit Jahren unter Gefahr für Leib und Leben Opfer; sie dokumentieren die Massaker, Vertreibungen und Vergewaltigungen, die nun auch Louis Moreno Ocampo, der Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs, untersucht. Allerdings kann Ocampo laut Statut nur wegen Verbrechen ermitteln, die nach der Eröffnung des Gerichtshofs am 1. Juli 2002 begangen worden sind.