Bis dass der Tod uns scheidet

Ein Plädoyer für Vernunft statt romantischer Liebe bei der Suche nach dem richtigen Mann

Die Ausstattung erinnerte an auch wenn das Ereignis nur in einer kleinen Stadtrandkirche in Norddeutschland stattfand. Der Bräutigam trug Frack, die Braut ein Kleid aus schwerer Seide. Sie sah nicht aus wie ein Baiser, sondern wunderschön. Die kleinen Blumensträuße an den Bankreihen, die Gestecke neben dem Altar: Alles war auf das Brautkleid abgestimmt.

Für die Trauung hatte das Paar den Pastor gesucht und gefunden, der die Braut konfirmiert hatte. Kleine gelockte Nichten streuten Blumen. Zwei Studienkollegen des Bräutigams spielten Gitarre. Der fast aufdringliche Realismus des Pastors mutete ein wenig seltsam an: Er sagte in seiner Ansprache, es werde in dieser Beziehung sicher nicht nur gute Zeiten geben, nichts währe ewig, man müsse mit Krisen und Untreue durchaus rechnen. Etwas defensiv aus Sicht der Kirche, fand ich. Im Garten der Brauteltern stand ein Festzelt. Es gab Reden, Gedichte, Lesungen, eine Band spielte, man tanzte bis ins Morgengrauen. Vier Jahre später waren sie geschieden.

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Kurz vor der Geburt ihres zweiten Kindes saß ich vor Jahren abends bei einer Freundin. Ich hatte Pizza mitgebracht – sie, hochschwanger und mit einem anderthalbjährigen Kind, schaffte es kaum noch zu kochen. Ihr Mann? Arzt wie sie, war »mit Freunden« unterwegs. Klar, ein Mann muss gelegentlich mit seinen Freunden unterwegs sein, nur vielleicht nicht gerade in dieser Situation. War er auch nicht. Wenig originell, hatte er eine Affäre mit einer Krankenschwester. Zwei Wochen, nachdem meine Freundin mit ihrem Baby aus dem Krankenhaus zurückgekommen war, zog er aus, zu der anderen Frau.

Ich tobte frauensolidarisch: Wie kann er! Trenn dich! Setz ihm die Kinder auf den Schreibtisch und geh! Mal sehen, wie viel Spaß die dann noch an ihrer Affäre haben… Sie hörte sich das alles an, sagte wenig, erzählte nur eines Tages, dass sie ihren Mann dazu überredet habe, gemeinsam eine Eheberatung zu machen. Ich starrte sie an, als ob sie vollkommen den Verstand verloren hätte: Wozu wollte sie die Ehe mit einem Typen retten, der sie betrogen und mit zwei Kindern allein gelassen hatte?

Der Ehetherapeut muss ein fähiger Mensch gewesen sein. Es dauerte lange, aber die beiden begannen wieder, gemeinsam auszugehen. Es gab einen Probe-Urlaub mit den Kindern. Am Ende zog er zurück zu seiner Familie. Sie bekamen noch ein Kind. Kauften ein Haus. Und einen Hund.

Sie scheinen glücklich zu sein.

Wahrscheinlich wird diese Form des Kampfes um einen Partner, dieses zähe Bemühen, Ehe und Familie zu retten, in unserer Gesellschaft seltener – und die Bereitschaft, auch nach einem romantischen Auftakt mit Kirche und Festzelt relativ schnell einen Schlussstrich zu ziehen, nimmt zu. Eine Frau, die heute heiratet, weiß, dass »bis dass der Tod uns scheidet« nicht mehr bitter ernst gemeint ist – keine soziale Ächtung wird uns treffen, wenn es anders kommt. Vielleicht sind unsere Eltern traurig, aber auf deren Gefühle können wir bei einer so weitreichenden Entscheidung wie einer Trennung keine Rücksicht nehmen.

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