Unter Wasser überall diese fast zwei Meter langen, fiesen Kreaturen, wo einst über vierhundert Fischarten schwammen. Der Viktoriasee in Ostafrika ist Schauplatz einer gigantischen Ökokatastrophe. Eine einzige fremde Fischart, der Nilbarsch (Lates niloticus), auch Viktoriabarsch genannt, wurde hier ausgesetzt. Binnen vierzig Jahren hat er das Biotop völlig aus dem Gleichgewicht gebracht. Der zweitgrößte Süßwassersee der Welt droht zur Wüste zu werden.

Dass der Stärkere überlebt, ist die böse Biometapher, vor deren Hintergrund der Regisseur Hubert Sauper einen Dokumentarfilm über die Fischindustrie, die Globalisierungseffekte, die sozioökonomischen Verwerfungen am Ufer des Sees gedreht hat. Darwins Alptraum zeigt Menschen in dieser Katastrophe: junge Frauen aus Tansania, die ihren Körper an dickbäuchige russische Frachtpiloten verkaufen. Einen Nachtwächter, der mit Bogen und vergifteten Pfeilen in der schwülen afrikanischen Dunkelheit eine Fabrik schützt. Straßenkinder, deren Gehirn vom Drogenschnüffeln zerfressen wurde, und die Bewohner eines Fischercamps, das gleichzeitig Aids-Kolonie ist. Wenn die Krankheit ausbreche, erklärt einer, zwinge man den Kranken, zurück in sein Heimatdorf zu fahren, denn wenn er im Camp sterbe, werde das Ticket für den Heimtransport um ein Vielfaches teurer. So viel zur Ökonomisierung des großen Sterbens.

Wie eine Reportage aus einem Irrenhaus am Ende der Welt erscheint dieses Stück zeitgenössischer Entwicklungshilfe- und Wirtschaftsgeschichte. Darwins Alptraum verbindet mit körnigen, rohen Bildern in sich verschlungene Kreisläufe, die sich von Mwanza aus einmal um den halben Globus ziehen: Dass die verhängnisvolle Fressgier des Barschs das Gleichgewicht des Ökosystems zerstört, ist bekannt, wird aber ignoriert, weil die Monokultur Profit birgt.

Bräsig selbstgerechte EU-Bürokraten mit Krawatte und kurzem Hemd loben die blitzblanken Fischfabriken, errichtet von umtriebigen indischen Unternehmern mit Finanzhilfe aus Brüssel. Auf einer Konferenz der Anrainerstaaten mahnen Forscher, dass der See bald umkippe. Alles Panikmache, blafft ein Minister zurück.

Während der Barsch das Land fein filetiert im Bauch russischer Frachtflugzeuge verlässt, können sich die Einheimischen ihren eigenen Fang nicht mehr leisten. Aus dessen Abfällen, Fischköpfen, Gräten, Haut, wird unter freiem Himmel ein Elendsessen für die Verlierer der Fischindustrie vermengt. Es sind schreckliche, widerliche Bilder, angeordnet um ein noch widerlicheres Geheimnis. Nie setzen die Frachtmaschinen, die den Reichtum des Gewässers tiefgekühlt nach Europa fliegen, leer in Mwanza auf. Am Ende verraten die Piloten: Aus Russland bringen die Fischflieger Waffen und Munition für die Kriege Zentralafrikas mit.

Hubert Sauper montiert diesen Rundgang durch Mwanza zum Lehrstück über ein entsetzliches Ungleichgewicht. Sein Film ist eine großartige, sich selbst erklärende Dokumentation. Der Autor tritt kaum in Erscheinung, kommentiert selten aus dem Off, bringt die Menschen zum Sprechen, lässt sie die Zusammenhänge erklären, die sie selbst nicht überblicken, den Fehler im System beschreiben: Eine wertvolle Ressource bedeutet in der Dritten Welt für die Bevölkerung immer Leid. Sie macht Töchter zu Huren, Söhne zu Lohnsklaven oder Soldaten.

Was, wenn sich der stärkste Fisch, die profitabelste Handelsware, das Prinzip der Optimierung überall durchgesetzt haben? Ein abgerissener Fischer zitiert in rührend schlechtem Englisch am abendlichen Ufer des Viktoriasees das Gesetz des Dschungels, eine wahrlich albtraumhafte Reverenz an Darwin.