Man würde lügen bei der Behauptung, ins Festspielhaus Baden-Baden sei man brennend vor Neugier gefahren, um der europäischen Erstaufführung von Robert D. Levins Komplettierung der als unvollständig geltenden c-moll-Messe KV 427 Mozarts beizuwohnen. Die erweiterte Partitur liegt ja längst vor, man konnte sie studieren und ausgiebig prüfen. Levins Maßnahmen betreiben Medizintechnik nach Noten: Transplantation und Einsatz von Stammzellen. Vereinfacht gesagt, hat Levin eine Arie aus der späteren Kantate Davide penitente KV 469 (in der große Teile dieser c-moll-Messe von 1782/83 auf italienischen Text nach Art einer Kontrafaktur aufgegangen sind) in zwei Teile zerlegt und für je eine Arie in Credo und Agnus Dei nutzbar gemacht. Den Rest hat er aus Skizzen oder Themenfetzen abgeleitet und, als sei er Mozart persönlich, auf Länge und zu Ende komponiert. Das Erste ist ein zulässiges, das Zweite ein hoffärtiges Verfahren. In seiner Partitur hat Levin säuberlich vermerkt, wo die Skizzen als originales Material Mozarts enden, das macht die Fallhöhe des Niveaus umso krasser spürbar. Die erhaltenen Partien der c-moll-Messe (nämlich Kyrie, Gloria, Sanctus, Benedictus sowie zwei Sätze des Credo) sind von allem Normalmaß so weit entfernt wie der Sirius von der Erde, doch Levin kennt keinerlei Bedenken, die verlassene Werkstatt eines Genies als Zauberlehrling zu betreten. Im Crucifixus wühlt er in der Harmonik, als sei das ein Zeichen von Kühnheit der Textdeutung. Den Chorsopran schickt er so oft zum hohen A, dass man sicher zu hören glaubt, wie Mozart, der billig verschleuderte Effekte hasste, sich stöhnend im Armengrab umdreht. Beim indiskutablen Et unam sanctam legt Levin nur Schablonen an und meint, er erwecke Kunst damit.

Den Chorsatz im Et vitam venturi strickt er so löchrig polyfon, dass die Musik schier eine Epoche zurückspringt - und mühsam händelt. Levin verglüht an Mozarts Sonne und landet im Graben des Epigonentums. Je länger man der Baden-Badener Aufführung mit Solisten, Gächinger Kantorei und Bach-Collegium Stuttgart unter Leitung von Helmuth Rilling zuhört und dem lebendigen Vergleich von Original und Nacheiferung ausgesetzt ist, desto stärker wird die Gewissheit, dass Mozart mit dem angeblichen Fragment etwas Vollständiges hinterlassen hat. Kann es nicht sein, dass er schon mit dem Gloria die geistige und räumliche Dimension von Bachs h-moll-Messe erreicht glaubte und weiterer Parallelen überdrüssig war? Er wusste, dass er bereits in der früheren Krönungsmesse KV 317 sein wundervollstes Agnus Dei komponiert hatte.

Ohnedies wollte Mozart endlich zur Oper und trieb die Kirchenmusik nur so weit voran, wie ihre Einzelteile ihm Herzenssache waren - für die c-moll-Messe gab es ja keinen liturgischen Auftrag. Das Dona nobis pacem als Ausklang des Agnus Dei ist ein seltsam galoppierender Rausschmeißer. Levin fand acht textierte Takte, die in ihrer Volkstümlichkeit eher nicht für die c-moll-Messe vorgesehen waren, im Skizzenkonvolut der unvollständigen Oper L'oca del Cairo. Den auf Satzlänge gestreckten Findling stellt Levin dem Lamm Gottes so ungeniert zur Seite, dass er wie ein singendes Klonschaf wirkt. In Baden-Baden machte es ungelenke Sprünge, glotzte dumm und wurde bejubelt.