Einmal Gladiator sein Helm auf, Schwert raus

Gladiatoren werden immer noch bewundert. In Rom können Urlauber kämpfen lernen wie zu Cäsars Zeiten

Nach dem Erfolg des Films »Gladiator« mit Russell Crowe entstand die Kampfschule

Foto [M]: Cinetext

Durch die daumennagelgroßen Sehschlitze des Visiers lässt sich kaum etwas erkennen. Mit lautem Klirren knallen die schartigen Eisenschwerter aufeinander. Das Atmen fällt immer schwerer. Die Arme sind von den ständigen Attacken längst matt geworden, doch Celticus ist nicht zufrieden. »Schneller, schneller! Deckung! Zurück in die Ausgangsposition!«, schreit er, während er schon bedrohlich nah um seinen Gegner aus Germanien herumtänzelt. Dann kracht seine Klinge auf den gerade noch rechtzeitig hochgerissenen Holzschild. Der dumpfe Aufprall fährt durch Mark und Bein, leicht benommen taumelt der Kämpfer zurück. Schon nach einer Viertelstunde ist er schweißgebadet. Doch schließlich gibt sich der Trainer zufrieden. Pause. Endlich!

Willkommen in Roms erster moderner Gladiatorenschule. Hier, nahe der Via Appia Antica, wo der römische Feldherr Marcus Licinius Crassus einst 6000 Gefangene aus der Rebellenarmee des Gladiators Spartacus am Kreuz zu Tode martern ließ, liegt sie zwischen verwilderten Schrebergärten, Wellblechzäunen und Gerümpelhalden. Ein kleiner, von Schlaglöchern übersäter Schotterpfad endet unvermittelt vor einem römischen Feldlager. Ein hölzerner Wehrturm streckt sich gut vier Meter in den Himmel und macht unmissverständlich klar, dass man nun das Rom des 21. Jahrhunderts verlässt. »Gruppo Storico Romano – Scuola di Gladiatura« steht auf einem großen Schild.

Unter segeltuchbespannten Holzverschlägen warten ein mannshohes Katapult und eine wuchtige Speerwurfmaschine auf ihren nächsten Einsatz. »Wir bauen das alles selbst«, sagt Pietro Gallone, der Vizepräsident. Vor zehn Jahren hatte er mit vier Freunden beschlossen, sich der »Pflege alter römischer Traditionen zu widmen«. Den Männern war aufgefallen, dass viele Rom-Besucher offenbar weit mehr vom Outfit der Schweizergarde als vom Petersdom beeindruckt schienen. »Wir schneiderten uns also lederne Legionärsuniformen und gingen damit an Wochenenden und Feiertagen zum Kolosseum, um zu sehen, wie die Leute darauf reagieren würden«, erzählt der 52-Jährige. Touristen wie Einheimische waren begeistert. Schon bald wurde der altrömische Trachtenverein eingeladen, bei Festen und Straßenumzügen mitzuwirken. Als dann vor vier Jahren Ridley Scotts Monumentalspektakel Gladiator die Kinogänger weltweit begeisterte, entschlossen sich die geschäftstüchtigen Traditionsfreunde zur Gründung einer Gladiatorenschule.

Da kann man nicht nur lernen, wie man sich eine Rüstung und Waffen baut, »wir bringen den Leuten auch bei, wie man damit kämpft«, sagt Pietro Gallone. »Mittlerweile zählen wir mehr als 180 aktive Mitglieder und wir treten bei Schaukämpfen auf, zum Beispiel im April beim Jubiläum der Stadtgründung.« Mit seinen dunklen Locken und dem schwarzen Vollbart wirkt der gebürtige Römer durchaus wie ein »alter« Römer, von seinen Vereinskameraden wird er respektvoll Petronius genannt. Sein Namensgeber galt unter Nero als »Richter des feinen Geschmacks«, so Tacitus, und organisierte zahlreiche Festspiele.

Auch Celticus, der im wahren Leben Al Mariotti heißt und die Neulinge (novicii) in der Gladiatorenfamilie trainiert, trägt seinen klangvollen lateinischen Namen mit Stolz. »Den habe ich, weil ich halb schottischer Abstammung bin«, erklärt der muskulöse 25-Jährige mit dem dunklen Dreitagebart, während er die Holzschwerter (rudes) und die weißen Tuniken an die Neulinge austeilt. Al, den gelernten Film- und Fernsehproduzenten, der als Hobby-Stuntman von Profis beim Film das Schwertfechten erlernte, hat ganz offensichtlich das Gladiatorenfieber gepackt. »Als Legionär bist du immer nur einer von vielen, als Gladiator dagegen wirst du berühmt, und man ehrt dich«, schwärmt er, »außerdem stehen die Mädels voll darauf, wenn du für Schaukämpfe in die Arena steigst.« Offenkundig kein ganz neues Phänomen. Juvenal schon erzählt von einem gealterten Kämpfer, dem sogar eine noble Senatorengattin erlag: »Er war Gladiator, und das macht gleich zum Adonis.«

Heute sind keine Damen beim Training anwesend, und so geht es ganz entspannt und unspektakulär mit Joggen, Dehn- und Aufwärmübungen los. Danach gilt es, die sechs Grundschläge zu erlernen, den Rechtsschwung in Nackenhöhe etwa, den Linksschwung nach unten auf die Beine des Gegners, den Schlag senkrecht auf den Kopf. Vor einer Regalwand mit verschiedenen Gladiatorenhelmen lässt Celticus seine Novizen die Bewegungsabläufe so lange wiederholen, bis sie in Fleisch und Blut übergegangen sind: »In der Regel üben wir mindestens drei Wochen mit Holzschwertern, bevor wir die richtigen Waffen benutzen.« Natürlich sind diese stumpf, gleichwohl aus massivem Eisen und damit schwer und nicht ganz ungefährlich.

Auch die echten Arenakämpfer bekamen nur für die Auftritte im Amphitheater scharfe Waffen ausgehändigt; seit dem Aufstand des Spartacus waren die Römer vorsichtig geworden. Die meist zwangsrekrutierten Gladiatoren, darunter auch Frauen, stammten ganz überwiegend aus den entrechteten Gruppen der Verbrecher, Sklaven und Kriegsgefangenen. Vom Leben hatten sie nicht viel anderes zu erwarten als Schmerzen, Erschöpfung, drakonische Strafen und die Aussicht auf einen langen Todeskampf unter den Augen schreiender und johlender Menschenmassen in den ausverkauften Arenen. Einmal an eine Schule verkauft, mussten sie vor dem Gladiatorenmakler (lanista), den Eid ablegen, ohne Widerspruch »Feuer, Ketten, die Peitsche oder den Tod durch das Schwert zu erdulden«. Der antike Manager übernahm die Kosten für Verpflegung, medizinische Versorgung und Ausrüstung, konnte seine Gladiatoren aber nach Belieben an die Veranstalter der Spiele (editores) vermieten. Die Profikämpfer wurden vom Volk verachtet und bewundert zugleich. »Wer lange genug überlebte, konnte ein richtiger Star seiner Zeit werden«, erzählt Lehrer Celticus. Er will nur ungern glauben, dass man die teuer ausgebildeten Kämpfer ohne weiteres in den Tod geschickt habe.

Der erste Gladiatorenkampf in Rom fand 264 vor Christus bei einer Totenfeier statt. Indem sie das Blut Lebender vergossen, glaubten die Römer, ihre Verstorbenen für kurze Zeit ins Diesseits zurückholen und gnädig stimmen zu können. Im Laufe der Jahrhunderte wurden die Kämpfe neben Wagenrennen, Tierhatzen und öffentlichen Exekutionen zum probaten Mittel der jeweils Herrschenden, das Volk bei Laune zu halten.

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