Für die Frauen aus Belfast war es ein einziger Triumphzug durch Washingtons Establishment, derweil Gerry Adams in die ungewohnte Rolle des Aussätzigen gedrängt wurde. Kein Empfang zum St. Patrickstag, dem irischen Nationalfeiertag, im Weißen Haus, kein handshake mit George Bush, nicht einmal Edward Kennedy mochte ihn sehen, obgleich sich der demokratische Senator durch besonders ausgeprägte Blauäugigkeit auszeichnet. Die kriminellen Aktivitäten der IRA sind schließlich nicht erst seit gestern bekannt. Und dass Sinn Fein/IRA in den katholischern Arbeitervierteln Nordirlands mit Pistole und Baseballschläger ein brutales Regiment führen, ist ebenfalls nicht zu übersehen.Doch eine romantisierende Sicht Nordirlands und der Rolle der republikanischen Bewegung ist weit verbreitet unter Amerikanern irischer Abstammung. Deshalb ist der nachhaltige Eindruck, den die 5 Schwestern und die Partnerin des ermordeten Robert McCartneys hinterlassen, besonders schmerzlich für Adams und Konsorten. Zumal darf Sinn Fein diesmal nicht, wie gewohnt, die Parteikasse mit generösen Spendengeldern auffüllen.Kein Wunder, dass die Führung von Sinn Fein die 6 Frauen bereits unmissverständlich gewarnt hat, ihr Verlangen nach Gerechtigkeit für den ermordeten Bruder nicht in eine politische Kampagne münden zu lassen. Eine der Schwestern will dennoch bei den kommenden Kommunalwahlen antreten. Was von Mut zeugt. Die 6 Frauen wissen, dass harte Zeiten auf sie zukommen, wenn die Medienkarawane erst einmal gelangweilt weitergezogen und das Interesse an ihrem Kampf abgeflaut ist. Sie müssen weiter in einem Viertel leben, in dem die IRA regiert – mit Einschüchterung, der Drohung von Gewalt und einer sozialen Kontrolle, der sich die Menschen bislang nicht wagten zu widersetzen. Es ist bezeichnend, dass bis heute noch keiner der rund 70 potentiellen Zeugen des Mordes wagte, bei der Polizei auszusagen.Die Grenzen des Rechtsstaates verlaufen immer noch um die Sinn Fein Hochburgen herum. Die McCartney Schwestern wollen das ändern. Sie verlangen nach dem gleichen Schutz durch Gesetz, Polizei und Gerichte, der anderen Bewohnern Nordirlands zuteil wird. Genau das aber macht ihre Protestbewegung in den Augen von Adams und Martin McGuiness so gefährlich. Die Normalisierung des Alltags in der Provinz hat ihre Kontrolle über die katholischen Arbeiterschichten gelockert. Es existiert kein äußerer Feind mehr. Die Rolle der IRA als selbst ernannter Beschützer ist längst hinfällig geworden. Adams und Co werden deshalb alles daran setzen, den Protest der Frauen die Spitze zu nehmen. Man wird die Schwestern diskreditieren und behaupten, sie würden vom politischen Gegner manipuliert und ausgenutzt; man wird versuchen, ihre Mitbewohner in der katholischen Enklave von öffentlicher Solidarität abzuhalten. Vor allem wird man auf Zeit spielen und darauf bauen, dass die Regierungen Irlands und Großbritanniens irgendwann wieder mit ihnen verhandeln müssen, will man in Nordirland politisch weiterkommen.In der Vergangenheit haben Sinn Fein/IRA schon einige Male eine machtvolle Friedensbewegung nordirischer Frauen ins Leere laufen lassen. Bleibt nur die Hoffnung, dass die Politiker in London, Dublin und Washington die Situation scharf im Auge behalten, auch wenn die mediale Erregung abgeklungen ist. Sinn Fein/IRA müssen gezwungen werden, sich ohne wenn und aber demokratischen Verhältnissen anzupassen.