Augenzeugenberichte gelten als schwierige Quellen, wenn das Ereignis weit zurückliegt. Die hier zitierten stammen von 1962. Karlsch ist es jedoch gelungen, ein zeitnahes Schreiben der sowjetischen Militäraufklärung aufzutun. Generalleutnant Iljitshov informierte Stalin mit Datum vom 23. März 1945 über zwei große Explosionen in Thüringen: Vom Zentrum der Explosion wurden Bäume bis zu einer Entfernung von ... 600 Metern gefällt. Von Kriegsgefangenen, die sich im Explosionszentrum befunden hätten, sei keine Spur geblieben. Und: Die Bombe enthält vermutlich U235 und hat ein Gewicht von zwei Tonnen.

So weit die historischen Quellen. Außer im Hinblick auf Zeit und Ort sind sie überaus widersprüchlich: Eine Atombombe von zwei Tonnen hätte eine wesentlich größere Zerstörung zur Folge haben müssen. Umgekehrt hätten zwei Tonnen konventionellen Sprengstoffs keine Auswirkungen von den Ausmaßen bewirken können, wie sie durch den Geheimdienst und die Augenzeugen verbrieft sind.

Wenn tatsächlich ein nukleares Ereignis stattgefunden hat, müssen sich heute noch vor Ort Spaltprodukte ausfindig machen lassen. Karlsch ließ Bodenproben analysieren. Uwe Keyser (Physikalisch-Technische Bundesanstalt) bestätigte das Vorhandensein teilweise drastischer Isotopenanomalien, die zu keinem bekannten nuklearen Ereignis passen und für die Tschernobyl als Ursache ausgeschlossen werden kann. Insgesamt fünf Physikprofessoren meinen, dass in Ohrdruf Spuren eines nuklearen Ereignisses vorhanden seien.

Was hier genau gezündet wurde, konnten bislang auch die Physiker nicht klären. Handelte es sich um eine schmutzige Bombe, bei der radioaktives Material mit konventionellem Sprengstoff über eine große Fläche verteilt und diese verstrahlt wird? Gegen diese Annahme spricht die Erklärung von Reinhardt Brandt (Universität Marburg), dass während der Explosion auch deutlich Kernreaktionen mit Energiefreisetzung abgelaufen sind. Auch eine normale Uranbombe ist unwahrscheinlich. Deutschland verfügte nicht über die erforderliche Menge angereicherten Urans. Karlsch wagt an dieser Stelle eine überaus schwierige Plausibilitätsüberlegung. Seine These gründet sich auf die Spitzenstellung der deutschen Hohlladungsforschung und den Wissensstand über thermonukleare Reaktionen. So wurde unter dem Leiter des Referats für Atomphysik der Forschungsabteilung des Heereswaffenamts, Kurt Diebner, an Fragen der Kernfusion gearbeitet. Im Oktober 1943 begannen Versuche, Atomenergie durch Reaktionen zwischen leichten Elementen freizusetzen.

Dabei sollte schwerer Wasserstoff durch konventionellen Sprengstoff zur Fusion gebracht werden. Die Versuche scheiterten aus physikalischen Gründen.

Fügt man nun die in Deutschland für 1945 verfügbare Technik zusammen, ergibt sich nach Karlsch folgendes Bild: Im Zentrum eines Zylinders wurden eine starke Neutronenquelle - Polonium-Beryllium - und kleinste Mengen Lithiumdeuterid positioniert. Da das Prinzip der Neutronenrückstrahlung durch U238 bekannt war, könnte die Bombe damit ausgekleidet gewesen sein. Nach der Zündung des konventionellen Sprengstoffs konnte es zwar zu keiner sich selbst erhaltenden Kettenreaktion kommen. Aber auch bei unterkritischen Anordnungen kommt es zu Kernspaltungen, die sich - wie Karlsch vermutet - in Ohrdruf ereignet haben. Die Reaktion (Spaltung - Fusion - Spaltung) brach nach kurzer Zeit zusammen, woraus sich die vergleichsweise begrenzte Zerstörung erklärt.

Dank Rainer Karlsch wissen wir heute, welche Wissenschaftler bis 1945 intensiv an der Atombombe arbeiteten. Seine Überlegungen über die Art der nuklearen Ereignisse sind teilweise spekulativ und weisen Lücken auf, die es nun mit Hilfe weiterer Forschungen zu schließen gilt. Eine systematische Bestandsaufnahme der Überreste der nuklearen Ereignisse in den Testgebieten scheint zwingend geboten. Angesichts der Vielzahl offener Fragen und der Brisanz des Themas sollte ein interdisziplinäres Forschungsprogramm initiiert werden, in dem Physiker und Wissenschaftshistoriker gemeinsam die Frage klären, was genau im März 1945 in Thüringen explodierte.