Bis auf die, die immer übrig bleiben, ist es für Menschen am Anfang ihres Lebens einfach: Freunde sind im gleichen Alter, sie hören die gleiche Musik und nehmen die gleichen Drogen. Sie sind für die gleichen Dinge, Robben oder Frieden, Tätowierungen oder Lippenstifte, man geht mit den Freunden an andere Orte, um andere anzusehen, und man versteht sich auf einem kleinen gemeinsamen Nenner, der heißt: hoffen, dass es besser wird. Nach der Adoleszenz verliert man sich aus den Augen, man verliert so ziemlich alles aus den Augen in diesen langen Jahren, die ein Mensch im guten Fall mit dem Versuch verbringt, mit sich selbst Freundschaft zu schließen. Das gelingt oft mit keinem Erfolg. Die Menschen erwachen mit Ende vierzig, und die Wenigsten sind mit sich befreundet. Sie haben sich in Erwartungen anderer eingerichtet, in Erfüllung, Stereotypen, in falschen Sätzen und unechten Gesichtern, in Wohnungen sitzen sie auf einmal, die aussehen wie Schauräume eines Einrichtungshauses, mitunter sitzt ein Partner neben ihnen und ein Kind, das kein Kind mehr ist. Mein Partner ist mein bester Freund, sagen sie und schauen ihn leer an, den Partner. Freund ist also etwas, was da sitzt. Oder ein anderes Paar. Das kommt manchmal vorbei, dann reden die Frauen in der Küche. Vielleicht erwacht der Mensch allein nach den Jahren vergeblicher Kernsuche, und dann hat er Freunde, die auch allein sind, zum Telefonieren im Bett, weil rauszugehen zu mühsam in der Kälte ist. Und trifft man sich, beim Brunch oder Lunch und hat geredet über alles, was außen passiert, dann gibt es Minuten, in denen man sich so einsam fühlt, so unbehaglich und fremd, und sich nach einer Nähe sehnt, von der man nicht weiß, wie sie herzustellen ist. Wie soll man die richtigen Freunde erkennen, wenn man nicht weiß, wer man selbst ist? Das ist das Schwerste, und viele geben auf. Richten sich ein in einer Idee ihrer selbst, und die Missverständnisse beginnen.

Reibungen mit und unter einander, Unglück, Verspannung, Neid. Von Bekannten umgeben, die zu der Idee passen, die man von sich hat, die Ideen sind meist die, die man sieht, im Fernsehen, die man bekommen hat, von den Eltern, von den Nachbarn, von Leuten, von denen man glaubt, sie wüssten, wie es geht. Es geht so natürlich nicht. Vielleicht macht es böse, sich nicht zu erkennen. Macht empfänglich für Religionsfanatismus und Wahn, für Raffgier und Geiz, vielleicht glaubt man, mit Bombenlegen und Produktekaufen, mit Therapien und Auf-kleine-Tiere-Schießen der Unzufriedenheit Herr zu werden. Falsche Ideen von sich lassen die Gier nach Macht wachsen, machen Übergewicht und Dummheit. Es ist aber nur die Folge davon, den einfachen Weg gewählt zu haben. Herauszufinden, was man wirklich will, was einen mit heiterer Gelassenheit erfüllt oder dass man vielleicht nichts Besonderes ist, das bedarf ungemeiner Anstrengungen. Es heißt, sich frei zu machen von fremden Bildern und Ideen. Bedeutet, sich jeden Tag neu zu hinterfragen. Listen zu schreiben mit Ja und Nein, Dafür und Dagegen.

Es heißt vielleicht sogar zu erkennen, dass man keine Freunde hat, weil man sich mit den Personen, die einen umgeben, unwohl fühlt, weil sie vielleicht die falschen Ideen von einem selbst haben. Erkenne dich selbst! Stand am Tempel von Delphi. Die Belohnung ist groß. Steht hier. Sie zeigt sich in Kleinigkeiten. Irgendwann fällt es einem auf, dass man völlig entspannt inmitten fremder Menschen sitzen kann, ohne sich unwohl oder beobachtet zu fühlen, dass man Veranstaltungen verlässt, wenn man sich langweilt, dass man Bücher weglegt, die einem nicht gefallen. Man muss nicht mehr in Urlaub fahren, wenn man Urlaub hasst, und wenn man es schätzt, abends um neun im Bett zu liegen, dann tut man das. Der Preis für die Mühe, sich zu hinterfragen, ist persönliche Freiheit, ist Freundschaft mit sich selbst. Kein entspannter Mensch wird einen anderen töten, wird die Energie aufbringen, sich an anderen zu bereichern. Keiner, der mit sich selbst freundschaftlich verkehrt, wird kriminelle Energie entwickeln und mit Menschen verkehren, die verspannt und verzogen sind. Er wird Freundschaft mit der Welt schließen, und das ist die Grundlage der Menschlichkeit, von der wir nun wissen, warum es sie so selten gibt, warum die Welt so langsam ist oder vielleicht nie zu einem besseren Ort werden wird.