Bukavu. Der stille Spiegel des Kivu-Sees, über den eine Piroge gleitet, dahinter die samtgrünen Bergketten mit dem Gipfel des Kahuzi, am diesseitigen Ufer die ganze Pracht der Tropen, gelb flammende Cassia, Riesengummibäume, Palmen, zauberhafte Orchideen – und dann dieser Satz: "Hier ist die Hölle im Paradies." Die Frau, die das sagt, trägt eine pagne, ein afrikanisches Wickelkleid. Sie ist unglaublich schön. Aber in ihre Augen hat sich eine unendliche Traurigkeit gesenkt, seit sie sich diese Geschichten anhören muss: Geschichten von geschändeten Frauen und Mädchen, die alles verloren haben, die Familie, die Ehre, das Selbstwertgefühl. Vom vergewaltigten Säugling, der keine 18 Monate alt ist. Vom Vater, der zum Inzest mit seinem Kind gezwungen wird. Von Opfern, die mit Flaschenglas oder Macheten verstümmelt wurden.

"Sie wollen nicht nur vergewaltigen. Sie wollen die Fundamente der Gesellschaft zerstören", erklärt Christine Schuler-Deschryver. In ihrer Geburtsstadt Bukavu leitet sie eine Hilfsorganisation, die Vergewaltigungsopfern beisteht; 10000 Fälle waren es in den vergangenen zwei Jahren allein in der Provinz Süd-Kivu. Die Dunkelziffer ist hoch, weil viele Frauen schweigen, aus Scham und aus Angst davor, ausgestoßen zu werden. Sie müssen mit ihren Albträumen allein fertig werden. Und mit dem Fluch, in einer Weltgegend zu leben, in der seit bald neun Jahren Krieg und Terror wüten – obwohl im Dezember 2002 ein Friedensvertrag unterzeichnet wurde. "Wenn der Teufel auf die Erde zurückgekommen ist, dann hier", sagt Frau Schuler-Deschryver. Im Kongo ist dieser Satz nicht übertrieben. Wenn die Schätzungen des International Rescue Committee stimmen, dann sind in diesem Land seit 1996, als der Krieg ausbrach, 3,8 Millionen Menschen umgekommen. 3,8 Millionen Tote – das ist der höchste Blutzoll seit dem Zweiten Weltkrieg. Aber kein Mensch würde deshalb in Brüssel oder Berlin empört auf die Straße gehen. Für den Kongo? Worum geht es da überhaupt?

Das ist eine ziemlich komplizierte Geschichte, über die man dicke Abhandlungen schreiben könnte. Denn in diesem Krieg sind alle Konflikte und Tragödien, die Zentralafrika in den letzten zehn Jahren heimsuchten, auf fatale Weise miteinander verzahnt: der Völkermord in Ruanda, der Bürgerkrieg zwischen Tutsi und Hutu in Burundi sowie der kongolesische Erbfolgestreit nach dem Sturz des Kleptokraten Mobutu. Zeitweise kämpften sieben afrikanischen Staaten mit, und in den Urwäldern des Kongobeckens bildeten einheimische Regierungssoldaten, ausländische Armeen, geflohene Völkermörder, diverse Rebellentrupps und Stammesmilizen wechselnde Allianzen.

Zwischen den wirren Fronten liefen regelrechte Völkerwanderungen. Millionen von Menschen flohen vor den Chaosmächten, und am Ende entstand im Ostkongo eine hochexplosive ethnische Gemengelage. Nebenbei plünderten die Nachbarn in einem beispiellosen Beutekrieg die reichen Ressourcen des zerfallenden Staates – Coltan, Gold, Diamanten, Tropenholz –, allen voran Ruanda und Uganda. Die fremden Truppen haben sich zwar offiziell zurückgezogen, aber die Raubzüge gehen klammheimlich weiter.

Bukavu steht das ganze Unglück ins Gesicht geschrieben: Die Hauptstadt der Provinz Süd-Kivu muss in der belgischen Kolonialzeit eine elegante Adresse gewesen sein, eine Art kongolesisches Locarno. Heute sind die Häuserzeilen kariös, die Straßen kaputt, die ganze Schönheit verwelkt. In den übervölkerten Quartieren ist die Cholera ausgebrochen. Vor dem Krieg lebten 250000 Menschen in Bukavu, inzwischen sind es 700000, Vertriebene und Migranten, Glücksritter und Gestrandete, Rohstoffdealer und Kriegsgewinnler und unzählige Bewaffnete. Überall in der Stadt lungert dieses Lumpenmilitariat herum, verrohte, verwahrloste Männer, manche noch halbe Kinder, die ihre Kalaschnikows kaum tragen können.

Unten am See betteln uns ein paar Soldaten an. "F.A.C." prangt auf ihren fadenscheinigen Uniformen, Forces Armées Congolaises. Essen! Geld! fordert einer. Die Kerle sind hungrig und durstig. Und unberechenbar. Seit vier Monaten warten sie auf ihren Sold, 5000 kongolesische Francs, rund zwölf Euro. Einen klaren Auftrag haben sie nicht. Sie sind einfach nur Rädchen in einer unkontrollierbaren Gewaltmaschinerie. Als vorigen Juni der meuternde General Laurent Nkunda mit seinen Spießgesellen vom Rassemblement congolais pour la démocratie (RCD) über die Stadt herfiel, waren sie allerdings nicht zu sehen. Die Rebellen mordeten und plünderten und vergewaltigten tausend Frauen. Ihr Oberchef Azarias Ruberwa sitzt derweil in der Allparteienkoalition in Kinshasa, aber die Hauptstadt ist 2500 Straßenkilometer entfernt, und das Gewaltmonopol dieser Regierung reicht höchstens bis zum Stadtrand.

Und in diesem Land, wo man mit hundert Dollar einen neuen Krieg anzetteln kann, wollen die Vereinten Nationen demnächst Wahlen veranstalten! Sie haben zu diesem Behufe sogar eine veritable Friedensarmee von 13000 Mann in die Region entsandt, die Monuc. Die Blauhelme sind mit einem robusten Mandat ausgestattet, sie sollen die Bevölkerung schützen und die Kombattanten entwaffnen. Aber bisher sind die Soldaten aus Uruguay, Marokko oder Südafrika hauptsächlich dadurch in die Schlagzeilen geraten, dass sie die Kinderprostitution fördern und davonlaufen, wenn irgendwo Kugeln fliegen. Was haben sie zum Beispiel getan, als die Mordbrenner der RCD auf Bukavu zuzogen? Nichts, fast nichts. Erst blockierten sie die Hauptzufahrtsstraße und schossen ein paar Raketen ab. Dann stellten sie ihr Feuerwerk ein und räumten das Feld. Höherer Befehl aus Kinshasa, heißt es.

Jetzt soll es sicherer sein, die alten Kontingente wurden von Pakistanis abgelöst, und die haben gleich klargestellt, dass sie scharf schießen werden. Sie schauen ziemlich grimmig drein, wenn sie in weißen Schützenpanzern und Jeeps durch die Straßen rattern. Oben, im Distrikt Ituri, haben sie, nachdem neun Kameraden aus Bangladesch in einem Hinterhalt starben, Anfang März erstmals massiv zurückgeschlagen und mindestens 60 Milizionäre getötet. Trotzdem scheint Bukavu den Beschützern nicht zu trauen. Die Stadt hat etwas Wartendes, Schicksalsergebenes. Jederzeit kann sie kommen, die tödliche Gefahr aus dem unwegsamen Hinterland, eine Räuberhorde, durchgedrehte Rebellen oder irgendwelche anderen Mordbrenner in diesem endlosen danse macabre.