Im Libanon wird dieser Tage eine neue Disziplin des politischen Wettkampfs geprägt: Wer organisiert die größte Demonstration in einem der kleinsten arabischen Länder? Fast eine Million Flaggen schwenkender, feiernder oder einfach auch nur schweigender Menschen hat die Opposition am Montag auf die Straße gebracht. Gegen die Regierung und ihre Hintermänner in Syrien. Damit lässt die Opposition die Kundgebung der prosyrischen schiitischen Hisbollah blass aussehen, die in der Vorwoche in Führung gegangen war. Mehr als 500 000 hatte sie auf dem Märtyrerplatz im Herzen Beiruts versammelt. Das stellte wiederum die Zahlen der Oppositionsdemonstranten vom Februar in den Schatten. Da hatten täglich nur 100 000 Libanesen gegen die Ermordung des Expremiers und Beiruter Idols Rafiq Hariri protestiert.

Es geht um mehr als demonstrative Leibesübungen an levantischer Frühlingsluft. In diesen Wochen, da sich Syriens Armee aus dem Land zähneknirschend zurückzieht, gilt es, machtvoll zu beweisen, wer im postsyrischen Libanon die stärkste Kraft ist. Die Wahlen im Mai könnten da Aufschluss geben - wenn die Regierung an der Manipulation gehindert wird. Wie sich die Ethnien im Lande aufteilen, weiß niemand ganz genau, denn auf das Risiko einer Volkszählung im Vielvölkerstaat ließ man sich zuletzt 1932 ein.

Beim Kräftemessen auf dem Beiruter Asphalt laufen die Demonstranten immer ein wenig im Schatten des 1990 beendeten Bürgerkriegs. Den Tag, an dem die Opposition und die prosyrische Hisbollah den Platz der Märtyrer doppelt buchen, muss das Land fürchten.