Sieben Jurymitglieder, in zehn deutschen Städten empfangen wie die Götter von Sezuan, vergangene Woche ohne Feier verabschiedet: Sie hatten den Dienst (er wäre ganz nach ihrem Herzen gewesen), alle diese Städte als "Kulturhauptstadt Europas 2010" zu küren, nicht getan. Leider hatten sie zwei, höchstens vier dieser Städte auswählen müssen und damit die Kultusministerkonferenz mehrheitlich schwer enttäuscht. Und nun legten die Juroren den Schwarzen Peter, den man ihnen zugeschoben hatte, auch noch mit Überzeugung auf den Tisch: Essen und Görlitz!

Kein Wunder, dass Frau Wanka, Kulturministerin Brandenburgs, den Eindruck machte, sie hätte die Pressekonferenz am liebsten ohne Öffentlichkeit gehabt. Ihr Kandidat Potsdam war nicht dabei, und sie hatte sich bei dessen Unterstützung, als Vorsitzende der KMK, auch noch Zurückhaltung auferlegt. Von ihren Kollegen waren wir anderes gewohnt. Zum Glück blieben uns die Grenzen dieser Huld überaus bewusst. Natürlich war sie Mittel zum Zweck. Aber die Sympathiewerbung schloss Lücken unverhoffter Offenheit nicht aus: Lichtblicke einer absurden Reise. Tausend Kilometer im schwarzen Konferenzbus. Zehn Visitationen in fünf Tagen, jede nach gleichem Drehbuch auf drei Stunden beschränkt.

Wir nahmen, was man uns gab: Fingerfutter, Bücher, Regenschirme

Natürlich war unsere geräderte Gerichtsbarkeit bestechlich. Um es mit Brechts Richter Azdak zu sagen: Wir nahmen. Zum Beispiel erlesenes Fingerfutter während der Hearings, Stapel von nachgereichtem Material (auch teure Bildbände); vor allem nahmen wir Regenschirme. Sie waren uns bei gleichbleibend schlechtem Wetter, für das sich die Stadtväter gleich lautend launig entschuldigten, nötig, selbst für den kürzesten Open-Air-Galopp. Erst im verschneiten Regensburg zeigte sich der Winter malerisch, und auf Bremen schien sogar minutenlang eine kühle Sonne. Keine Konkurrenz für die warme Ausstrahlung Bürgermeister Henning Scherfs, bis er unserm Trupp plötzlich abhanden kam.

Selbstvergessen war er lieber einer Kinderwagen-Familie gefolgt, die ihn angesprochen hatte, und desertierte von der Bewerbung, die uns sein fast schon eingebürgerter Stadtregisseur Martin Heller gerade schmackhaft machte, nach allen Regeln der Zauberkunst: Plötzlich zeichnete eine Tanzgruppe, gefangen in einer verglasten Brücke über der Straße, ausdrucksstarke Figuren in den schon wieder grauen Himmel. Inzwischen stand der Bremer Bürgersinn in Scherfscher Übergröße wieder mitten unter uns, und wir glaubten ihm aufs Wort, dass die Stadt so reich sein könnte, wie sie schön war, wäre sie von ihrem bundesrepublikanischen Hinterland unabhängig wie Singapur.

So machten unkalkulierte Zwischenfälle eine Stadt als Kulturstadt erkennbar. Selbst der Regenschirm Bremens, der kein Logo nötig hatte, bestach uns in seiner rot-weißen Diskretion, die ihn auch in Essen, der nächsten Station, tragbar gemacht hätte. Natürlich bekamen wir dort einen neuen, und natürlich kam uns auch dieser unterwegs abhanden. Essen aber sollte uns bleiben.

Ich war mit schlechtem Gewissen hingekommen, traurig sicher, diese Agglomeration könne es nicht zur Kulturhauptstadt schaffen. Ein Vortrag, kürzlich in der Villa Hügel gehalten, hatte meine touristische Optik des Reviers nicht zu seinem Vorteil verändert. Nun aber geriet sie in Bewegung, und zwar in der Größenordnung Bergsturz. Beim Eintritt der Jury in die Bochumer Jahrhunderthalle standen – am frühen Sonntagvormittag! – zum Geschmetter einer Bläsergruppe wohl fünfzig Bürgermeister in der Runde, schweigend wie eine demonstrierende Knappschaft. Dazu bewegte sich eine Schauspielerin aus der unendlichen Tiefe des Raums auf uns zu und rezitierte eine mythologische Beschreibung des Reviers.

Das hätte schon zu viel sein können, doch es wurde immer noch mehr. Eine ganze Landschaft enthüllte sich in drei Stunden als Bühne eines umfassenden Trauerspiels, dessen Besetzung – unscheinbar oder spektakulär – den Untergang verweigerte. Wo immer wir hinkamen, waren Häuser, Siedlungen, Industriedenkmäler mit dem Umlernen im größten Stil beschäftigt, und die neue Sprache war nicht nur diejenige einer spezialisierten "Kultur": Sie schlug Brücken über den ebenso monumentalen wie unvermeidlichen Bruch mit der industriellen Vergangenheit. Was die Zeit schon abgeschrieben hatte, war ihr, als urbanistische Avantgarde, plötzlich wieder voraus. Das ehemalige Revier atmete nicht mehr Staub, sondern Zukunft.