Was kann daraus werden, aus der Begegnung einer längst vergessenen amerikanischen Lyrikerin mit einem verdrängten, zum Mythos gemachten, doch ungelesenen deutschen Dichter? Ein packendes, hinreißendes Buch, das endlich wieder einmal zeigt, was große Poesie war, ist und sein muss, will sie sich nicht vollends aufgeben im Strom der tagesaktuellen Plauderei.

Tatsächlich konnte es keine unvorhersehbarere, unmöglichere Begegnung geben als die von Edna St. Vincent Millay (1892 bis 1950) und Rudolf Borchardt (1877 bis 1945). Als Borchardt im Jahre 1933 zufällig Millays Gedichtband Fatal Interview in die Hände fällt, befindet er sich tief in einer lebensgeschichtlichen, politischen und dichterischen Krise. Mit dem Beginn der nationalsozialistischen Diktatur ist der deutschnationale, aber aus jüdischer Familie stammende Borchardt aus Deutschland verbannt. Sein freiwilliges, signoriles Exil in der Toskana ist zum gewöhnlichen Zwangsexil eines Flüchtlings geworden; seine Publikationsmöglichkeiten verschwinden; ob sein Leben im Italien Mussolinis, dem er noch am 4. April 1933 seine Dante-Übersetzung feierlich in Rom überreichte, von Dauer sein kann, weiß kein Mensch. Am gefährlichsten aber muss Borchardt erschüttern, dass die politischen Ereignisse ihn und sein ganzes dichterisches und geschichtliches Lebensprogramm einer "schöpferischen Restauration", eines konservativen Widerstands gegen die moderne Welt und die moderne Literatur endgültig dort hinstellen, wo er sich 1932 ahnend schon selbst gesehen hatte: auf den "verlorenen Posten".

Die Entdeckung von Millays Gedichten und den Zusammenbruch seiner felsenfesten Vorurteile inszeniert der Alteuropäer dann selbst mit aller aus seinem Werk so vertrauten Dramatik des großen Rhetors: "Ich ließ das Buch liegen. Amerikanische Sonette! Von einer Frau! Liebesgedichte! Zweiundfünfzig, gleich den Wochen des Jahres! Um zu wissen, was das sein konnte, brauchte man es nicht erst zu lesen. Dass Amerika keiner Poesie fähig ist, war längst sonnenklar." Dann, nach einem Crescendo von Klischees und lauem Lob für die Neue Welt, ist der Boden bereitet für das ungelesene Buch, "es wartete auf seinen Moment, zog eine müßig gedankenlose Minute an sich, in der es mich überraschen konnte, und schlug mich zu Boden". Borchardt ist das Undenkbare widerfahren: Inmitten dieses verachteten 20. Jahrhunderts steht er sprachlos vor dem "Wunder, das hier so unerklärbar wie unverkennbar vor aller Augen lag: die große europäische Poesie aller Jahrhunderte… hatte den Atlantik unterlaufen und war in Amerika in einer gewaltigen lyrischen Pyramide aus dem tauben Boden gebrochen".

Borchardt blieb nicht lange sprachlos, und aus dem, was nun geschah, zieht dieser Band seinen so fesselnden Reichtum. Borchardt liest und liest, er beschafft sich weitere Bücher der Dichterin und beginnt seine immer noch wachsende Bewunderung an nahe und ferne Freunde werbend mitzuteilen. Vor allem aber fühlt er sich schöpferisch herausgefordert und wagt sich an erste übersetzerische Versuche: "Kindheit ist nicht von Geburt bis soundsoviel, und von soundsoviel an / Sind Kinder groß und räumen Kindisches weg. / Kindheit ist das Land darin niemand dir stirbt." Und hier nun zeigt die lebensgeschichtliche Krise ihre dichterische Seite: Er spürt, dass er, der nicht nur Dante, sondern auch die großen Engländer Swinburne, Browning und Keats in gültiger, unübertroffener Gestalt übertragen hat, dass er mit diesen Gedichten nicht zurande kommt, und er spürt zugleich, dass dies auch seine eigene, formstrenge und klassische Poesie infrage stellt. Im Titel seines Millay-Essays, den er gleichzeitig niederschreibt, erklärt er die Begegnung zur "Entdeckung Amerikas" schlechthin; dichterisch aber wird ihm die lange und schwierige Auseinandersetzung mit dieser Lyrikerin zu nicht weniger als der Entdeckung der modernen Poesie, ihrer freien Formen und Rhythmen.

Wer aber war die Dichterin, die das vermochte? Borchardt selbst wollte es nicht wissen; ihn interessierte nicht Biografie, sondern "die wirkliche und höhere Biografie", die Poesie. Bezeichnend aber, dass er einen biografischen Fixpunkt mehrfach betont, nämlich Ednas "Schulung von Vassar College, der großen amerikanischen Frauenuniversität, mit der wir in Europa nichts auch nur entfernt ähnliches zu vergleichen haben". Denn das ist das zweite, was ihm diese Dichtung bedeutet: die Entdeckung einer poetischen Stimme, die er ausdrücklich als weibliche, als die einer "freien Frau" wahrnimmt, und das Wissen, dass nur Amerika, und kein europäisches Land, die Gleichheit der Frau dem Mann gegenüber schaffen konnte. Doch Gleichheit von Frau und Mann heißt nicht Gleichheit in ihrem inneren Wesen, im Gegenteil, diese Dichterin ist für Borchardt die größte genuin weibliche Stimme der Neuzeit: "Zum ersten Male seit zwei und einem halben Jahrtausend sieht die Poesie einer Frau in ihr so aus wie sie in Sappho und seitdem nie wieder ausgesehen hat."

Eine unabhängige Frau zwischen Boheme und ländlichem Rückzug

Edna St. Vincent Millay wurde am 22. November 1892 im Bundestaat Maine geboren, und ihr frühes, leidenschaftliches Interesse für Dichtung, Musik und Theater wurde von den Eltern stark gefördert. 1912 sandte sie ihr Gedicht Renascence zu einem landesweiten Wettbewerb und erntete höchste Bewunderung, die sich nach ihren ersten Gedichtbänden zu wirklichem Ruhm und großem Erfolg auch bei einem breiten Publikum steigerte. Da der heutige Leser Borchardts Verwerfung des Biografischen kaum teilen wird, zeichnet Friedhelm Kemp in seinem gründlichen Nachwort Edna Millays dichterischen und biografischen Weg en détail nach: ihr Leben in Greenwich Village, ihre Reisen, ihre Heirat und ihre erotischen Eskapaden, kurz, das ganze Leben einer unabhängigen Frau zwischen Boheme und ländlichem Rückzug, bis hin zu den Jahren langsam verblassenden Ruhms und einem einsamen Tod im Oktober 1950.

Dass tief im ältesten Europa, in einer gemieteten toskanischen Villa und in einem verzweifelten Exil, ein alter deutscher Dichter in ihr die Inkarnation der größten Lyrikerin der Antike feierte, das hat Edna St. Vincent Millay nie erfahren. Ein Brief Borchardts blieb unabgeschickt; seine Übersetzungen und sein hymnischer, ebenso programmatischer wie autobiografischer Essay blieben ungedruckt, denn man hielt auch in der Schweiz Borchardts Namen nicht mehr für opportun. Und als die Nachlassmanuskripte 1951 zum ersten Mal in S. Fischers Neuer Rundschau erschienen, war es zu spät. Die beiden Dichter waren tot, die amerikanische Kultur auf ganz andere Weise entdeckt worden, die deutsche Nachkriegslyrik suchte den Anschluss an die Avantgarde, und Borchardt hatte auch als Dichter das Totschweigen durch die Nazis nicht überlebt.